Kurien-Erzbischof Gerhard Ludwig Müller: Weihnacht — die frohe Botschaft für Arme

Kurien-Erzbischof Gerhard Ludwig Müller : Weihnacht — die frohe Botschaft für Arme

Der neue Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, sprach im Interview mit unserer Redaktion über sein persönliches Weihnachten und die Frohe Botschaft des Festes.

Gerhard Ludwig Müller, Präfekt für die Glaubenslehre, kritisiert den Politiker-Druck für schnelle Christeneinheit. Außerdem kann er sich vorstellen, dass der nächste Papst aus Lateinamerika kommt. Und er verrät sein heutiges Festessen.

Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an Weihnachten in Mainz-Finthen?

Müller Ich bin vom Jahrgang 1947. Meine Kindheit war normal und schön und ohne besondere dramatische Einflüsse von außen, wie sie viele noch zu Kriegszeiten geborene Kinder erleben mussten. Ich erinnere mich noch wie heute an den hell erleuchteten Christbaum, das Klingeln zur Bescherung, worauf wir Kinder ins festlich geschmückte Weihnachtszimmer durften und an der Krippe Stille Nacht, heilige Nacht gesungen haben im Kreis der Eltern und Geschwister.

Und das schönste Geschenk war?

Müller Das war ein kleines Fahrrad.

Und ein traditionelles Weihnachtsessen gab's im Hause Müller sicherlich auch?

Müller Ja, an Heiligabend nach Mainzer Art Pellkartoffeln mit Blut- oder Leberwurst.

Wie feiern Sie jetzt als Erzbischof Weihnachten. Bleiben Sie in Rom? Was ist mit einem Festschmaus? Beim Papst gab's zuletzt Weihnachten Filet mit grünem Pfeffer, wie Benedikts Privatsekretär, Erzbischof Gänswein, ausgeplaudert hat.

Müller Ich bleibe in Rom und bin an Heiligabend wie stets seit zehn Jahren mit meinen beiden Ordensschwestern aus Mallersdorf beisammen, die auch schon in Regensburg dabei waren. Da gibt's bei uns ein leckeres Schnitzel mit Pommes frites und Salat.

Nun zur geistigen Kost, Herr Erzbischof. Denken Sie als Geistlicher beim Weihnachtsgottesdienst manchmal: Ach, kämen die Leute doch auch so zahlreich in die Kirche, wenn nicht Weihnachten ist?

Müller Unsere Aufgabe in der Kirche ist es nicht, den Leuten Vorwürfe zu machen, sondern sie anzunehmen und aufzunehmen im Gotteshaus. Wir alle sind willkommen beim lieben Gott und er kommt mit der Geburt Christi in sein Eigentum und "hat unter uns gewohnt." Wir Seelsorger haben darüber hinaus die Menschen davon zu überzeugen, dass die Eucharistie-Feier, und zwar jeden Sonntag, keine Belastung ist, sondern der Mittelpunkt des Tages und der ganzen folgenden Woche sein darf. Aus dieser Kraftquelle kann der Mensch schöpfen und Orientierung gewinnen für sein christliches Leben und dafür, mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden. Heilige Messe ist nicht irgendein frommes Werk, sondern Teilhabe am Kreuz und an der Auferstehung Jesu Christi.

Ist Weihnachten zuallererst eine Frohe Botschaft an die Armen, man denke an die Symbolik mit der Geburt im Stall?

Müller Es ist tatsächlich eine Frohe Botschaft für die armen Menschen. Aber auch eine solche an die Reichen und die, die nur nach materiellen, irdischen Gütern streben, sich nicht etwas auf den Wohlstand einzubilden. Der materielle Reichtum um seiner selbst willen ist nicht der wahre Reichtum der Menschen. Auch das sagt die Weihnachtsgeschichte.

Europa und Amerika seien geistig-kulturell müde, sagte Kardinal Martini kurz vor seinem Tod Ende August. Hatte Martini recht?

Müller Das ist eine gute Beschreibung. Es macht sich bei uns ein Gefühl des Überdrusses an der großen christlichen Tradition breit. Es werden Wohlstands-Götzen angebetet. Dabei kann nur das Licht, das von Bethlehem ausgeht, Überdruss und Selbstzweifel beheben. An Weihnachten ist nicht das Völlegefühl im Bauch, sondern die Gnadenfülle im Herzen angesagt.

Stimmt es wirklich, dass wir, wie Sie gerne sagen, zu wenig kinderfreundlich sind. Nirgendwo sonst wird so viel ausgegeben für Familien und Kinder wie bei uns?

Müller Es geht mir um die innere Einstellung. Zu viele bei uns denken doch: Erst mal das Leben genießen und als Ehepaar ein Heim aufbauen. Dabei wird den Menschen oft vorgegaukelt, Kinder seien letztlich eine Last und eine Belästigung, die den Lebensgenuss einschränken.

Noch einmal: Der Staat gibt sehr viel Geld für Familien mit Kindern aus, denken Sie an Kindergeld, Familiengeld, bald Betreuungsgeld.

Müller Aber wie das dann sprachlich ausgedrückt wird: Frauen etwa, die wegen ihrer Kinder zu Hause bleiben, werden als Empfängerinnen einer Herdprämie beleidigt. Das ist nur ein Beispiel unter vielen.

Kirche kommt Menschen oftmals als Institution mit dem erhobenen Zeigefinger vor. Gibt's zu viel Moralin und zu wenig Glaubens-Injektion seitens der Kirche?

Müller Wir sind auch 300 Jahre nach der Aufklärung immer in Gefahr, das Christentum zu verkürzen auf eine bloße Morallehre zur Stabilisierung der bürgerlichen Gesellschaft. An der Krippe von Bethlehem stehen wir an dem Schnittpunkt von Gott-Orientierung und Welt-Verantwortung jedes einzelnen Christen, der Kirche und der gesamten Menschheit.

Den Kenner des größten katholischen Kontinents gefragt: Wäre es gut, wenn der nächste Papst aus Lateinamerika käme?

Müller Ich kenne jedenfalls eine Reihe von Bischöfen und Kardinälen aus Lateinamerika, die auch für die gesamte Weltkirche Verantwortung übernehmen könnten. Die Weltkirche lehrt, dass das Christentum nicht Europa-zentriert ist, sondern dass sich jeder in dieser Weltkirche beheimatet fühlen und auch Verantwortung für das ganze Haus Gottes übernehmen darf.

Auch an Weihnachten möchten wieder viele wiederverheiratete Ges zur Kommunion gehen, was die Kirche ihnen verwehrt. Warum? Es heißt doch im Gebet aller vor der Kommunion: "O Herr, ich bin nicht würdig . . ."

Müller Jesus hat uns selbst die Unauflöslichkeit der Ehe vor Augen gestellt. Er verurteilt den Bruch der lebenslangen ehelichen Treue. Das ist also nichts, was sich kaltblütige Kirchenrechtler in Rom haben einfallen lassen. Die Kirche kann sich nicht am Zeitgeist ausrichten. Man muss pastoral auf jeden einzelnen Menschen, der geschieden ist, zugehen, aber eben auch klar aussprechen, was die sakramentale und damit unauflösliche Ehe bedeutet als Gnade und Verpflichtung.

Gilt Ihre Betonung der römischen Kirche als einer Institution gegen den flüchtigen Zeitgeist auch angesichts von Forderungen einiger aktiver und ehemaliger Spitzenpolitiker aus Deutschland nach schneller christlicher Einheit?

Müller Was mich stört, sind deutsche Spitzenpolitiker, die in ihren Aufrufen wie "Ökumene jetzt!"so tun, als blockierten nur noch theologische Spitzfindigkeiten und Kirchenbürokraten die Einheit. Wir können nicht einfach darüber hinweg gehen, dass ein unterschiedliches katholisches und evangelisches Verständnis etwa der Kirche und der Sakramente besteht. Die Kirche ist keine politische Partei. Der Glaubenssinn des ganzen Gottesvolkes ist Ausdruck der Befähigung, das Wort Gottes im Geist Gottes unter der Leitung des Lehramtes recht zu verstehen und nicht das Einfallstor für die Selbstsäkularisierung der Kirche. Wir stimmen über den von Gott geoffenbarten Glauben nicht wie über Parteiprogramme ab. Wir Katholiken können nicht von den Protestanten verlangen, gegen ihr Wahrheitsgewissen den katholischen Glauben zu übernehmen und umgekehrt. Den politisierenden Ökumenikern und ökumenisierenden Politikern täte mehr Kenntnis und Anerkenntnis des II. Vatikanums gut, besonders das erste Kapitel des Ökumenismus_Dekretes "Unitatis redintegratio: Die katholischen Prinzipien des Ökumenismus".

Reinhold Michels führte das Gespräch.

(RP/jre)