Innerdeutscher Leistungsvergleich: Was Schüler können müssen

Innerdeutscher Leistungsvergleich : Was Schüler können müssen

Der Leistungsvergleich der Bundesländer zeigt: Die Probleme des deutschen Bildungssystems beginnen schon in den Grundschulen. Für NRW ist die Bilanz durchwachsen. Defizite gibt es vor allem beim Lesen.

Jahrelang geltende Gewissheiten gibt es in der Bildungspolitik nicht allzu viele. Zu den wenigen gehört diese: Tage, an denen Bildungs-Ranglisten veröffentlicht werden, sind keine glanzvollen Tage für Nordrhein-Westfalen. Der gestrige Freitag, an dem die Kultusminister den ersten innerdeutschen Leistungsvergleich für Grundschulen vorstellten, machte da keine Ausnahme. In der Bildungs-Bundesliga belegt NRW Plätze im dicht gedrängten Mittelfeld; die von Bayern angeführte Spitzengruppe ist fürs Erste außer Reichweite. Andererseits ist auch der Abstand zu den "Abstiegsplätzen" groß.

13 Prozent der nordrhein-westfälischen Viertklässler verfehlten den Mindeststandard in Rechnen, acht Prozent beim Zuhören — das liegt im Durchschnitt. Finster sieht es dagegen beim Lesen aus: Nur in einem anderen Flächenland —Rheinland-Pfalz — verfehlten mehr Kinder den Mindestwert für Lesefähigkeit (14,3 gegenüber 14,2 Prozent). Und: Nirgends in den Flächenländern ist der Anteil der Viertklässler, die den Regelwert im Lesen erreichen oder übertreffen, so gering wie in NRW.

Bildungsstand und Unterricht als Gründe

Bildungsforscher sehen zwei Gründe für gutes und schlechtes Abschneiden. Erstens: Bildungsstand und finanzielle Ausstattung des Elternhauses. "Je niedriger der soziale Status, desto geringer sind die Kompetenzen", heißt es in der Studie. Länder mit hohem Migrantenanteil (dazu gehört NRW) sind zusätzlich gefordert: So liegen Viertklässler in NRW, deren beide Eltern im Ausland geboren sind, im Lesen durchschnittlich fast ein Schuljahr gegenüber den Mitschülern aus Familien mit deutschen Wurzeln zurück. Allerdings gelingt es in Nordrhein-Westfalen offenbar recht gut, Migrantenkinder zu fördern: Der Abstand ist einer der geringsten. Miserabel schneiden hier vor allem Berlin und Bremen ab.

Zweitens: der Unterricht. Die Schülerschaft sei nur ein Teil der Erklärung, sagt Olaf Köller, Bildungsforscher an der Uni Kiel, und verweist auf die Schüler mit Spitzenleistungen: "Die gibt es schließlich auch in den Stadtstaaten." Trotzdem entspricht sogar in dieser Gruppe der Leistungsunterschied zwischen den besten und den schlechtesten Ländern noch rund einem halben Schuljahr. "Das kann nur bedeuten", sagt Köller, "dass die wirklich guten Schüler in manchen Bundesländern deutlich schlechter bedient werden."

Das wiederum hat wenig mit der Herkunft der Schüler, aber viel mit der Schule zu tun, die sie besuchen. Köller sagt es vorsichtig: "In Ländern wie Bayern ist es Tradition, dass die Ziele sowohl in der Lehrerausbildung als auch bei den Bildungszielen eher hoch angesetzt werden. Andere Länder haben sich stärker auf nichtfachliche Ziele konzentriert, etwa auf soziales Lernen. Das sind Kulturfragen."

Ministerin setzt auf Fortbildung

Mehr Investitionen in die Lehrerbildung fordert auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE). "Dass Nordrhein-Westfalens Grundschüler trotz schlechter Rahmenbedingungen zum Teil gute Leistungen erbringen konnten, ist einzig und allein auf das hohe Engagement der Lehrer zurückzuführen", sagt VBE-Chef Udo Beckmann. Die Klassen seien zu groß, Angebote etwa für Aus- und Weiterbildung unzureichend.

Die Ministerin hält dagegen: Sie setze bei der Fortbildung einen Schwerpunkt, sagt Sylvia Löhrmann (Grüne) — und lobt die Lehrer, deren Engagement "erfreulich groß" sei. Gefragt seien vor allem individuelle Förderung, Integration und gemeinsamer Unterricht mit Behinderten — Themen, bei denen es um den Umgang mit in sich verschiedenen Klassen geht.

Auch wenn die Probleme, die das deutsche Bildungssystem prägen, sich bereits in der Grundschule deutlich zeigen — erst dort anzusetzen, hält Experte Köller für viel zu spät. Er spricht lieber von "Bildungsketten", die schon in den Kindergärten und Kitas beginnen müssten: "Programme zur Sprachförderung müssen stärker koordiniert werden. Wir müssen Risikofamilien schon in der Vorschulzeit ausfindig machen. Die Länder müssen Konzepte entwickeln, damit Migrantenkinder nicht nur mit anderen Migrantenkindern lernen. Und Risikoschulen müssen besonders gefördert werden."

Hier geht es zur Infostrecke: Schulen in NRW - Fakten im Überblick

(RP/das/nbe)