Kölns Gedächtnisstätte: Was im Historischen Stadtarchiv lagerte

Kölns Gedächtnisstätte: Was im Historischen Stadtarchiv lagerte

Köln (RP). Unbeschadet blieb vom Einsturz des Historischen Stadtarchivs von Köln gestern nur dies: die Materialien für die große Heinrich-Böll-Gesamtausgabe, von der 21 der insgesamt 27 Bände bereits erschienen sind. Aber auch nur deshalb, weil man für die Forschungsarbeit Kisten mit wertvollen Manuskripten und Korrespondenzen aus dem Nachlass vom Stadtarchiv ins Böll-Archiv transportiert hatte.

Ein kleiner Lichtblick im Staub der Trümmer. Was die an Dokumenten unter sich begraben haben, ist einzigartig, ihr Wert unschätzbar. Wie auch sollte man in einer Euro-Summe mit vielen Nullen beziffern, was das Gedächtnis einer Stadt ausmacht? Mit Urkunden seit dem 9. Jahrhundert, die bereits im Mittelalter so zahlreich waren, dass im Jahre 1408 ein Urkundenfindbuch mit dem Stadtwappen angelegt wurde.

Dass dort auf rund 18 Regalkilometern wertvollstes Archivgut lag, ist kaum mehr als eine abstrakte Größe. Man kommt der Bedeutung dieses jetzt verschütteten Ortes über die so genannten Schreinsbücher näher. Ein ödes Wort für einen funkelnden Schatz. Denn in den Schreinsakten blieben die Besitzer aller Gebäude Kölns seit dem 13. Jahrhundert verzeichnet. Wenn ein Haus den Eigentümer wechselte oder nur ein Zimmer vermietet wurde ­ in diesen Büchern ward es notiert. "Die Genealogie der Urkölner ist darin verzeichnet”, so Marita Blattmann, die an der Köln Uni Geschichte des Mittelalters lehrt.

Dieses Archiv ist daher vor allem das Gedächtnis seiner Stadt; in ihm ruht die Erinnerung an eine tausendjährige Geschichte, es dokumentiert Kölns historische Bedeutung und Identität. Es gilt heute als das größte kommunale Archiv nördlich der Alpen ­ auch dank einer weisen Entscheidung im Zweiten Weltkrieg. Damals hatte man nämlich die Dokumente ausgelagert und so vor Zerstörung bewahren können. Sehr ungewöhnlich ist, dass im Historischen Stadtarchiv sogar 19.000 Urkunden und Aktenstücke vieler rheinischer Klöster und Stifte aus der Zeit vor der Säkularisation lagern. Eigentlich wäre dafür das Düsseldorfer Staatsarchiv zuständig gewesen, doch geschickte Verhandlungen der Kölner 1949 machten diese Ausnahme möglich.

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Nicht allein das Mittelalter ist reich vertreten im Stadtarchiv: der Nachlass von Heinrich Böll, Teilnachlässe des Komponisten Jacques Offenbach, der Autoren Nicolas Born und Rolf Dieter Brinkmann sowie des damaligen Kölner Oberbürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer; zudem der Vorlass von Dieter Wellershoff sowie das Verlagsarchiv von Kiepenheuer & Witsch.

Vieles davon ist nun unter Schutt begraben ­ vielleicht auch das erst vor vier Wochen erworbene Konvolut: Weitere 2000 Fotos aus dem Böll-Nachlass, Lebenszeugnisse und Romanskizzen, die sein Sohn für 800.000 Euro der Stadt verkauft hatte. Darunter befand sich auch das Abi-Zeugnis, das dem Nobelpreisträger im Fach Deutsch nur die Note "genügend” bescheinigt. Ob der jüngste Ankauf aber schon archiviert wurde oder noch zwischengelagert ist, darüber konnte die Böll-Stiftung gestern keine Angaben machen. Viele halten den Schaden in Köln für größer als den Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek 2004. Damals spendeten die Bürger über 20 Millionen Euro.

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(RP)
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