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Studie untersucht neue Protestwelle: Was den deutschen Wutbürger ausmacht

Studie untersucht neue Protestwelle : Was den deutschen Wutbürger ausmacht

Kaum waren die Bilder vom Massenprotest gegen das Bahn-Projekt Stuttgart 21 in der ganzen Republik zu sehen, machte ein neues Wort die Runde: das des Wutbürgers. Doch wer sind die Menschen, die gegen S21 und andere Projekte auf die Straße gehen? Eine Studie, die am Mittwoch vorgestellt wurde, will das nun herausgefunden haben.

Die Wissenschaftler vom Göttinger Institut für Demokratieforschung haben sich unter Occupy-Aktivisten unterhalten, mit Protestlern bei Stuttgart 21 oder beobachteten Demonstrationen und Mahnwachen. Sie wollten wissen, was die Protestierenden antreibt, wer überhaupt aktiv ist und wie sie auf die Berliner Politik schauen. Die Ergebnisse ihre Analysen flossen in die Studie "Die neue Macht der Bürger — Was motiviert die Protestbewegungen" ein, die vom Mineralölkonzern BP finanziert wurde.

Ein zentrales Ergebnis: Der Bürgerprotest ist meist punktuell und lokal — und wird von immer mehr Älteren getragen. Und die stammen vor allem aus dem Bildungsbürgertum, haben Abitur und Studium, sind Diplom-Ingenieure und Naturwissenschaftler und verstehen sich als bestinformierte Gegenexperten, nicht als Technik-Feinde. Zusammen bilden sie einen "gut organisierten Partizipations-Lobbyismus", sagte der Göttinger Demokratieforscher Franz Walter am Mittwoch in Berlin.

Viele Protestler aus dem Bildungsbürgertum

In der Studie schreibt er: "Spätestens zwischen 2015 und 2035 werden sich Hunderttausende hochmotivierter und rüstiger Rentner mit dem gesamten Rüstzeug der in den Jugendjahren reichlich gesammelten Demonstrationserfahrungen in den öffentlich vorgetragenen Widerspruch begeben."

Und er fügt hinzu: "Am Anfang steht nicht etwa die Wut, sondern Misstrauen." Dieses finde sich dann auch bei Politikern wider, was am Ende zur "Misstrauensgesellschaft" führe. Für den Demokratieforscher ist "der Dissens das Elixier für Entkrustung." Man befinde sich am Beginn einer Diskussion: "Wie kann Demokratie überhaupt noch funktionieren."

Eine weitere Erkenntnis: Der zivilgesellschaftliche Protest ist nicht staatsfeindlich und auch nicht technik-feindlich, sagte Walter. "Gut, dass es diese Gruppen gibt." Die Forderung nach Systemveränderung, also nach direkter Demokratie, sei bei den Protestlern "nicht sehr enthusiastisch" verankert. Entgegen der Protestwelle in den 70er Jahren seien es heute vor allem demonstranten, die technische Berufe ausübten, insbesondere Ingenieure. Sie könnten quasi als Experten auftreten und selbstbewusst präzise Gegenentwürfe erarbeiten.

Die "kleinen Leute" seien kaum noch mit dabei, auch nicht "die Marginalisierten und Prekarisierten", also Hartz-IV-Bezieher. Auf die Straße gingen inzwischen vor allem jene, die artikulations- und kommunikationsfähig sind. Meist hätten sie einen hohen Bildungsabschluss, ein geregeltes, meist ordentliches Einkommen und seien sozial gut vernetzt. Die Protestler sähen sich selbst als "ganz besonders aufgeklärt", den Rest dagegen als manipulierbar. Darin zeigten sich "Selbstgerechtigkeiten und Anmaßungen".

Von Männern dominiert

Das Altern der Republik werde — schreibt Walter — keineswegs zu Gleichgültigkeit in den öffentlichen Angelegenheiten führen — "im Gegenteil". Die Protestler "gehen weiterhin auf die Straßen der Republik, demonstrieren gegen Stromtrassen, Flugzeuglandebahnen und Windräder. Sie organisieren Kampagnen gegen Bildungsreformen und mobilisieren gegen die Macht der Atomindustrie".

Laut der Studie wird die Protestszene vor allem von Männern dominiert. 70 Prozent der Befragten seien männlich. Nur bei Initiativen im Bildungs- und Schulbereich seien von Frauen geprägt. Die Studienmacher schließen daraus, dass Beruf und Kinder die Frauen hemmten, sich solchen Protesten anzuschließen. Überhaupt seien Kinder wohl ein Ausschlusskriterium für ein Engagement in dieser Richtung.

Der Vorstandschef von BP Europa SE, Michael Schmidt, erhofft sich übrigens von der Studie Hinweise darauf, wie die Gesellschaft in Zukunft mit Protesten umgehen und sie nutzbar machen könne.

Hier geht es zur Infostrecke: Protestrepublik: Bekämpfte Energieprojekte in Deutschland

(das/dpa/das/csi)