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Mehrheit für mehr Gleichberechtigung innerhalb der Familie: Warum der Muttertag so wichtig ist

Mehrheit für mehr Gleichberechtigung innerhalb der Familie : Warum der Muttertag so wichtig ist

Millionen Mütter werden am Muttertag mit Blumen, selbst gemalten Bildern oder Frühstück am Bett gefeiert werden. Auf den ersten Blick ein Überbleibsel veralteter Rollenbilder, wird der Muttertag noch immer von vielen hochgehalten. Doch gerade wegen des Verfalls der althergebrachten Familienstrukturen mit immer noch steigenden Scheidungszahlen ist er für den Familiensoziologen Günter Burkart sogar ein höchst zeitgemäßer Festtag.

"Das Verhältnis zur Mutter ist heute etwas ganz besonders Wichtiges", sagt der Lüneburger Professor, der einer der Sprecher der Sektion Familiensoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ist. Immer häufiger bleibe die Beziehung des Kindes zur Mutter lebenslang die einzig stabile.

Die Männer hätten nicht nur in so genannten Patchwork-Familien mit Kindern aus verschiedenen Partnerschaften vielfach nur eine Nebenrolle. Bei allein Erziehenden - mit überwältigender Mehrheit Frauen - spreche man inzwischen von einer "neuen Matrilinealität", erklärt Burkart und erklärt: "Das heißt, die mütterliche und nicht die väterliche Linie ist die Entscheidende."

Zudem gibt es nach der Beobachtung des Soziologen heute bei weitem nicht mehr die Art von Generationenkonflikt wie noch vor 20 Jahren. "Die heutigen Kinder haben Mütter, mit denen man sehr viel intimer werden kann", erklärt Burkart.

Ein Zeichen dafür sei, dass die Kinder heute erst später ihr Elternhaus verlassen. Hinzu komme, dass derzeit Rituale wieder deutlich mehr geschätzt würden als in den 70er und 80er Jahren. Und der Muttertag sei ein solches Ritual mit festgelegten Verhaltensweisen.

"Elterntag" statt Muttertag

Als Ausdruck eines längst vergangenen Geistes beurteilt dagegen der Münchner Familienforscher Wassilios Fthenakis den Muttertag. Ein "Elterntag" sollte stattdessen nach seiner Einschätzung begangen werden. Nach seiner seit 1995 laufenden und bis 2005 angelegten Familienstudie will heute der überwiegende Teil sowohl der jungen Mütter als auch der jungen Väter nicht mehr die klassische Rollenaufteilung, sondern Gleichberechtigung auch in der Kinderbetreuung.

Dass es diese in der überwiegenden Mehrheit nicht gibt, liege an den unzureichenden Rahmenbedingungen. "Nicht die Menschen sind das Problem, sondern das System", sagt der Professor und Leiter des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik.

Nach seinen repräsentativen Untersuchungen hatten 70 Prozent der Eltern vor der Geburt ihres ersten Kindes den Wunsch, die Kinderbetreuung gemeinsam zu bewältigen. "Doch die Realität überholt sie, weil der Mann immer noch mehr verdient - im Durchschnitt 30 Prozent", erklärt Fthenakis.

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Wenn es keine Möglichkeit gibt, die Kinder außerhalb der Familie zu betreuen, und daraufhin ein Elternteil auf sein Einkommen verzichtet, wird nach den Erkenntnissen des Familienforschers der eine vom anderen abhängig und eine Kette von Problemen beginnt, an deren Ende nicht selten die Scheidung steht.

Vor allem Paare, die sich eigentlich eine gleichberechtigte Rollenaufteilung gewünscht hätten - also die Mehrheit -, kommen laut Fthenakis mit dem notgedrungen gewählten, traditionellen Familienmodell in Turbulenzen.

Die Frauen, die sich auf Grund der äußeren Umstände vermeintlich freiwillig für das Zuhausebleiben entscheiden, "wissen nicht, worauf sie sich einlassen". Der hohe Anteil von kinderlosen Akademikerinnen hänge auch damit zusammen, dass diese hochgebildeten Frauen besser einschätzen könnten, was bei mit einem Kind auf sie zukomme, und sie sich deshalb dagegen entschieden.

Notwendig seien aber nicht nur familienfreundlichere Arbeitsbedingungen und Kinderbetreuungsstellen. Vielmehr müsse sich auch die gesellschaftliche Einstellung zu Kindern und Eltern verändern, fordert der Wissenschaftler: "Wir brauchen auch Familien, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bejahen und Betreuungsmöglichkeiten wahrnehmen."

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