Vorsätze für 2019: Machen ist wie wollen - nur krasser

Raus aus der Komfortzone: Machen ist wie wollen – nur krasser

Das neue Jahr beginnt mit guten Vorsätzen. Für 2019 könnten diese lauten: Raus aus der Komfortzone und anfangen mit etwas, das alle wollen – die Welt ein bisschen besser machen.

Menschen verfügen über eine außergewöhnliche Fähigkeit: Sie achten nicht nur auf sich selbst, sondern immer auch auf andere. Bereits bei Kleinkindern ist dieses Verhalten ausgeprägt. Schon Zweijährige folgen nicht nur den Blicken und Handlungen von Personen, die ihnen fremd sind. Sie helfen auch bereitwillig, öffnen Türen oder holen Gegenstände – ohne dass sie dazu aufgefordert werden. Dieser Umsichtigkeit verdankt der Homo sapiens seine Existenz. Nur in der Gruppe war er überlebensfähig, nur durch sein Wesen als „Beziehungstier“ in der Lage, sich die Erde untertan zu machen.

Letzteres ist ihm gründlich gelungen.

Heute leben immer weniger dieser Wesen in überschaubaren Gruppen. Das durchorganisierte Dasein in der Masse, in Städten und Staaten, hat seinen Preis: Unübersichtlichkeit, Bindungslosigkeit, Vereinzelung nagen am althergebrachten sozialen Gefüge. Die Übernahme von Verantwortung ist weitgehend delegiert, die Neigung, sie von sich zu weisen, ausgeprägt, die Anerkennung von Engagement eher spärlich. Sich zu kümmern, jene Gabe, die Menschen so außergewöhnlich macht, ist bei nicht wenigen verkümmert.

Geblieben sind die alten Wünsche und Sehnsüchte, nach Freiheit, Geborgenheit, Gerechtigkeit und auch schon seit einer ganzen Weile der Traum von einer Welt, die nicht im Dreck versinkt. Und obwohl so viele Menschen sich das so sehr wünschen und diese Vision lieber heute als morgen verwirklicht sähen, passiert vergleichsweise wenig – und wenn sich etwas bewegt, dann sehr, sehr langsam. Nur die Erregungskurve über die Mächtigen in Politik und Wirtschaft, die es vermeintlich nicht auf die Reihe kriegen, die steigt bei jeder Gelegenheit zuverlässig rasant an.

„Wenn jeder dem anderen helfen wollte, wäre allen geholfen“, bemerkte die lebenskluge Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach schon vor mehr als hundert Jahren. Tja, so einfach könnte es gehen. Tut es leider nicht. Es liegt nicht einmal an fehlendem Interesse, das viele in einer düsteren Defensive verharren lässt. Vielmehr am Gefühl, als Einzelner ja doch nichts ausrichten zu können. Dabei kommt es gar nicht darauf an, die ganze Welt von heute auf morgen zu einem besseren Ort zu machen. Es kommt darauf an, irgendwo damit anzufangen. Es geht darum, nicht wegzuschauen, sondern sich einzumischen. Und wer sich das allein nicht zutraut, hätte viele Möglichkeiten mitzumischen.

„Machen ist wie wollen, nur krasser“ – dieser Sponti-Spruch verpackt eine alte Weisheit in unverbrauchte Sprache. Wie sehr die Aussage stimmt, kann jeder sofort nachvollziehen, der theoretisch sein Büro auch mit dem Fahrrad statt mit dem Auto erreichen könnte – und es diesmal wirklich tut. Krass einfach ist auch folgender Trick, etwas gegen den enormen Verzehr von Kreaturen zu unternehmen, die gerne noch ein bisschen weiter gelebt hätten: weniger Fleisch essen. Lässt sich zu einem gewissen Teil schon dadurch erreichen, indem man weniger Lebensmittel wegschmeißt. Plastikmüll könnte man bereits beim Kauf vermeiden, indem in viel Plastik verpackte Ware gar nicht erst in den Einkaufskorb gelangt. Den Straßenbaum vor dem Fenster könnte man selber mal wässern, anstatt ein paar heiße Tage weiter darauf zu warten, dass die Stadtwerke endlich mit einem Tankwagen vorbeikommen. Alles sicher schon mal gehört, schon mal gewollt, aber auch gemacht?

„Das Ziel weicht ständig vor uns zurück. Genugtuung liegt im Einsatz, nicht im Erreichen. Ganzer Einsatz ist ganzer Erfolg“, machte Mahatma Gandhi einst seinen Mitstreitern für die indische Unabhängigkeit Mut. Zugleich beschrieb er damit das Geheimnis des Engagements. Sich für etwas starkmachen lohnt sich per se, zumal auch in dieser Redewendung ein Versprechen steckt, nämlich dass stark ist, wer was macht. Sich für etwas starkmachen bedeutet in jedem Falle, aus der Lethargie auszusteigen, die Komfortzone zu verlassen, wach zu werden. Wer sich engagiert, verfügt über Interessen und Überzeugungen. Wer sich interessiert, lebt intensiver, und wer Verantwortung übernimmt, ist meist auch zufriedener. Deshalb kümmert sich, wer sich um andere(s) kümmert, letztlich um sich selbst.

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 „Ja, wir könnten schon jetzt etwas gegen den Klimawandel tun“, mokierte sich kürzlich der deutsche Kabarettist Marc-Uwe Kling über das zögerliche Gebaren seiner Landsleute. „Aber wenn wir in 50 Jahren feststellen, dass sich alle Wissenschaftler vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir ohne Grund dafür gesorgt, dass man in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schon ärgern!“

Immerhin: Laut dem aktuellen Bericht der Bundesregierung sind 44 Prozent der Bürger in Deutschland ehrenamtlich aktiv. Das sind gut zehn Prozentpunkte mehr als noch vor fünfzehn Jahren. Und 50 Prozent der noch nicht aktiven Befragten sind dazu prinzipiell bereit. In Berlin haben unlängst 240.000 für eine liberale, offene, friedliche Gesellschaft demonstriert. Demokratie lebt von einer Kultur des Einmischens, und sie beruht auf dem Recht, sich einzumischen. Dass es sich dabei nicht um eine Selbstverständlichkeit, sondern um ein Privileg handelt, ist lange Zeit in den Hintergrund getreten.

Bis in die 80er Jahre hinein war im freien Westen Deutschlands eine Wahlbeteiligung von mehr als 85 Prozent im Bund und über 75 Prozent in den Ländern noch die Regel. Mit der ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 ging die Quote deutlich zurück und sank im Bund mit 70,8 Prozent 2009 auf einen historischen Tiefstand. Seit 2017 scheint der Abwärtstrend gebrochen, es gibt messbar wieder mehr Lust am Mitmischen, mehr Lust auf Demokratie.

Und das, obwohl das Dasein von Millionen zunehmend virtuell stattfindet, im World Wide Web, wo alles viel einfacher erscheint und weniger anstrengend, weniger langweilig und anders als in der wirklichen Welt viel, viel schneller vonstattengeht. Wo man wegklicken kann, was einem nicht gefällt, und wo man sich mit einem Tastendruck der Meinung Tausender anschließen kann.

Aber vielleicht passiert ja gerade genau das Gegenteil, und immer mehr Leute haben das Internet satt mit seiner gefälschten Schönheit, seinem unverfälschten Hass, den Manipulationen, unhaltbaren Versprechungen, seiner Substanzlosigkeit und Flüchtigkeit. Vielleicht finden diese Leute es inzwischen an der Zeit, Schluss zu machen mit all den Abstimmungen über Belanglosigkeiten und sich echten Entscheidungen zuzuwenden, physisch Position für Überzeugungen zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen und sich einzumischen, auch wenn das anstrengend ist – und oft auch unangenehm.

Zur Wahrheit gehört, dass die direkte Form des Einmischens – seine Ansicht ungefragt zum Ausdruck zu bringen – in Deutschland eine überschaubare Wertschätzung genießt. Das mag zum Teil an der noch sehr präsenten Vergangenheit dieses Landes liegen, wo Blockwarte und Stasispitzel eine eifrige und staatlich geförderte Einmischung ins Privatleben der Bürger betrieben. Wer sich einmischt, erhält hierzulande heute noch schnell den Stempel der Illoyalität aufgedrückt. Einmischen, so will es der Zufall, ist im Deutschen ein schwaches Verb, und der Duden listet einige wenig schmeichelhafte Synonyme auf: hineinreden, dazwischenfunken, dreinreden, sich hängen in, seine Nase in etwas hineinstecken. Wie zum Teil berechtigte Kritik an Verbrauchergewohnheiten ihre Wirkung verfehlen kann, davon können vor allem die Grünen ein Lied singen. 

Hilfsbereitschaft, die positivste Form, kommt nahezu immer gut an. Auch Leuten einen Rat zu erteilen, um sie vor einer Dummheit zu bewahren, klappt meist ohne Zurückweisung. Aber Menschen konkret auf ihr Fehlverhalten anzusprechen oder gar einzuschreiten, wenn Dinge aus dem Ruder laufen – da wird es schwierig, weil Grenzen überschritten werden. Einmischen will also gelernt sein. „Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vor dem Mund“, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache betont. Sich zu kümmern, wenn es an Respekt fehlt oder Rechte und Würde von Menschen missachtet werden, ist immer angebracht. Wer darüber hinaus jeden Tag dafür sorgen möchte, dass sich die Dinge ein bisschen zum Besseren wenden, darf sich an einer Empfehlung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch (1911–1991) orientieren: „Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.“