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Deutsche Geschichte: Vor 80 Jahren ergriff Hitler die Macht

Deutsche Geschichte : Vor 80 Jahren ergriff Hitler die Macht

Hitler selbst sprach von "Machtübernahme" – er wollte den Eindruck erwecken, seine Partei sitze legal an den Schalthebeln.

Hitler selbst sprach von "Machtübernahme" — er wollte den Eindruck erwecken, seine Partei sitze legal an den Schalthebeln.

Der Tag, an dem Adolf Hitler Kanzler des Deutschen Reichs wurde, der 30. Januar 1933, gilt im Gedächtnis der Deutschen bis heute als Tag der Machtergreifung. Hitler selbst verwendete den Ausdruck nicht, er sprach von "Machtübernahme". Er wollte betonen, dass er nicht durch einen Putsch die Richtlinien der Politik des Reiches bestimmen konnte, sondern dass er und seine Partei, die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), legal an die Schalthebel der Macht gelangt waren.

In der Tat war die Berufung des gebürtigen Österreichers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten formal so abgelaufen, wie es die damalige Verfassung des Deutschen Reichs möglich machte. Dennoch beschreibt das Wort "Machtergreifung" genauer, was nach dem 30. Januar 1933 geschah. Innerhalb von wenigen Wochen wurde Deutschland in einer Weise verändert, die zuvor undenkbar erschienen war.

Größte Fraktion im Reichstag

Auch manchen der Leute, die Hitler ins Amt gehievt hatten. Im Nachhinein, nach der Hybris, nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, nach den ungeheuren Verbrechen an den Juden, an anderen Minderheiten, nach der Zerstörung Deutschlands, ist oft behauptet worden, an Hitler habe im Januar 1933 kein Weg vorbeigeführt. Immerhin stellte die NSDAP die mit Abstand größte Fraktion im Reichstag: die Basis für eine durch den Volkswillen gestützte Regierung.

Die Partei hatte Ende 1932 mehr als 1,4 Millionen Mitglieder, ihre Sturmabteilung (SA) 400.000 junge Männer, die bereit waren, sich auf den Straßen blutige Kämpfe mit ebenso krawallbereiten jungen Kommunisten zu liefern. Fast täglich gab es dabei Tote. Angeheizt wurde der politische Terror durch eine seit 1929 von den USA ausgehende Wirtschaftskrise, die weltweit immer mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzte. Die Wirtschaftstheorie war weitgehend ratlos.

Kampf gegen Staatsbankrott

Die Politik versuchte, den Staatsbankrott zu vermeiden, doch schnelle Erfolge gab es nicht. In Deutschland waren von 68 Millionen Einwohnern sechs, nach anderer Zählweise sogar 8,7 Millionen Menschen ohne Arbeit — die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung. In den großen Städten versuchten Suppenküchen den Hunger einzudämmen, im Winter halfen Bäder und Wärmehallen vielen Menschen, die Kälte zu ertragen. Industrie und Landwirtschaft lagen am Boden.

So schlimm die Verhältnisse waren, sie mussten nicht zwangsläufig in die NS-Diktatur münden. Der These, der deutsche Sonderweg, die von der Entwicklung Westeuropas abweichende politische Geschichte Deutschlands, habe bei Hitler enden müssen, widersprechen die wichtigsten Hitler-Biographen, Joachim C. Fest und der Brite Ian Kershaw. Sie sind sich einig, dass erst gesellschaftliche Arroganz, Einfalt und politische Unfähigkeit — aber auch Feigheit — Hitler den Weg zur Übernahme der Macht ebneten.

Paul von Hindenburg im Mittelpunkt

Hauptschuldige: eine kleine Gruppe von Männern um den damals 85-jährigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, einem ehemaligen kaiserlichen Generalfeldmarschall, der in der Bevölkerung großes Ansehen genoss. Er konnte Kanzler ernennen, auch wenn die keine parlamentarische Mehrheit hinter sich wussten. Fest und Kershaw schildern Dutzende von Ereignissen im Jahr 1932, von denen jedes einzelne bei anderem Verhalten der Handelnden Hitler den Weg zur Macht hätte verstellen können. Die wichtigsten: Der politische Repräsentant der Reichswehr, General Kurt von Schleicher, ließ im Frühjahr 1932 den Reichskanzler Heinrich Brüning stürzen.

Der wollte ein Siedlungsprogramm für Bauern auflegen, was die Großgrundbesitzer im Osten des Reiches, die auf Hindenburg großen Einfluss hatten, ablehnten. Brüning wurde durch Franz von Papen ersetzt, der sofort einen riesigen Fehler machte. Er drängte auf die Auflösung des Reichstags und Neuwahlen im Juli 1932. Dabei verloren die gemäßigten Parteien, jetzt hatten erstmals die Radikalen NSDAP (230 von 608 Sitzen) und die Kommunisten die Mehrheit. Dann ließ Papen die SPD-Regierung von Preußen aus dem Amt jagen. Die wehrte sich nicht, obwohl sie die Polizeihoheit hatte. Nur dadurch konnte sieben Monate später Hitlers Gefolgsmann Hermann Göring preußischer Innenminister werden und einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung der NS-Herrschaft leisten.

Weg zur Kanzlerschaft

Vielleicht aber hätte es schon gereicht, wenn Papen weniger witzig gewesen wäre. Wegen seines Unterhaltungs-Talents war er auch nach seinem Sturz im Dezember 1932 bei Hindenburg gern gesehen. Er führte im Geheimen die Verhandlungen, nach denen konservative und reaktionäre Politiker bereit waren, unter Hitler als Kanzler zu dienen, ihn "einzurahmen", wie Papen irrtümlich glaubte. Noch eine Viertelstunde vor der Vereidigung des Kabinetts gab es eine Möglichkeit, Hitler den Weg zur Kanzlerschaft zu verstellen: ein riesiger Krach zwischen dem als Wirtschaftsminister vorgesehenen reaktionären Pressezaren Alfred Hugenberg und Hitler. Doch weil die Zeit drängte, gab Hugenberg nach. Schon im Juni 1933 legte er alle seine Ämter nieder.

Da hatte Hitler längst, was er wollte: die ganze Macht. Er hatte schneller, als Papen und seine Clique denken konnten, die Einrahmung, die ihm Papen zugedacht hatte, gesprengt. Eine Schlüsselrolle hatte dabei Hermann Göring, ein Flieger-As aus dem Ersten Weltkrieg. Er amtierte nach Hitlers Kanzlerschaft als Innenminister Preußens, welches das halbe Reich umfasste. Göring verpasste Zehntausenden SA-Männern weiße Armbinden, gab ihnen Pistolen und Gummiknüppel und ernannte sie zu Hilfspolizisten. Sie wurden auf Kommunisten, missliebige Sozialdemokraten und Juden losgelassen, errichteten provisorische Konzentrationslager. Es wurde gemordet. Hitler gab derweil den Staatsmann.

In der ersten Kabinettssitzung am 30. Januar war es Papen, der forderte, was die NSDAP-Zeitung "Völkischer Beobachter" seit Monaten schrieb: Nach der Neuwahl im März dürfe es nur noch eine Sitzung des Reichstags geben, die "letzte Sitzung", die ein Ermächtigungsgesetz für Hitler auf den Weg bringen solle. Danach werde das Parlament für viele Jahre nicht mehr zusammentreten. Sein Programm erläuterte Hitler in vertraulicher Runde am 3. Februar: Bei einem Mittagessen mit den Spitzen der Reichswehr redete er verschwurbelt von der Aufrüstung, welche die alte Stellung des Militärs wieder herstellen und die Wirtschaft beleben werde.

"Schutz von Volk und Staat"

Deutschland brauche Lebensraum, der müsse im Osten erobert werden.Die Jugend müsse wieder kämpfen lernen. Es war kein konkreter Kriegsplan, den Hitler formulierte. Aber es war ein klares Bekenntnis zur Gewalt als Mittel der Außenpolitik. Innenpolitisch war die Diktatur schneller errichtet, als die NSDAP-Planer gehofft hatten. Am 27. Februar brannte der Reichstag. Hitler nutzte diese Chance. Die Brandstiftung wurde als Signal für einen Aufstand der Kommunisten ausgegeben, eine Notverordnung zum "Schutz von Volk und Staat" vom Reichspräsidenten gebilligt. Diese Verordnung nahm vieles, das erst im Ermächtigungsgesetz stehen sollte, vorweg, sie blieb bis zum Ende von Hitlers Herrschaft in Kraft.

Am 5. März 1933 konnte Deutschland zum vorerst letzten Mal wählen. Die NSDAP, die die absolute Mehrheit im Parlament erwartet hatte, kam auf mehr als 43 Prozent. Hitler war für das Ermächtigungsgesetz also auf die Hilfe des Zentrums angewiesen, die er auch bekam. Vier Tage nach der Wahl hatte die NSDAP die vielen Länder des Deutschen Reichs praktisch gleichgeschaltet. SA-Horden hatten Rathäuser belagert, Regierungssitze gestürmt und jeden Widerstand gebrochen. Seit dem März 1933 herrschte in Deutschland nur ein Wille — der des von seinen Freunden wie Gegnern so lange unterschätzten Adolf Hitler.

(RP/csi)