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Gastbeitrag: Vor 75 Jahren stürzte Hitler die Welt in den Krieg

Gastbeitrag : Vor 75 Jahren stürzte Hitler die Welt in den Krieg

In einem Gastbeitrag beschreibt der Historiker Hans-Jürgen Schröder Ausbruch und Ende des verheerendes Krieges, dem 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Und er zieht die Lehren für die Gegenwart und Zukunft.

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 war Auftakt zu einem Krieg, der innerhalb von zwei Jahren globale Dimensionen erreichte. Während das diesjährige Gedenken an den Ersten Weltkrieg die Kriegsschulddebatte neu belebt hat, verbietet sich eine derartige Diskussion in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg. Hier liegt die Verantwortung klar: Das nationalsozialistische Regime hat den Krieg, der aus historischer Sicht nicht zu gewinnen war, systematisch entfesselt.

Hitlers Wille zum Krieg

Bereits wenige Tage nach der sogenannten Machtergreifung legte Hitler am 3. Februar 1933 vor Offizieren der Reichswehr seine aggressiven Pläne dar. Die Errichtung des Führerstaats sowie der Kampf gegen Marxismus und Pazifismus seien die Voraussetzung für eine gewaltsame Expansion nach Osten und die "rücksichtslose Germanisierung" der eroberten Gebiete. 1936 steckte er den Zeitrahmen ab. In vier Jahren müsse die Armee "einsatzfähig", die Wirtschaft "kriegsfähig" sein. Hitler war entschlossen, sein in den 1920er Jahren vor allem in "Mein Kampf" proklamiertes Programm kompromisslos umzusetzen. Nach außen hin wurden die Aggressionspläne durch eine Friedenspropaganda eben propagandistisch abgeschirmt.

Es war der Beginn des sogenannten Blitzkriegs. Foto: AFP, AFP

Eine Politik der vollendeten Tatsachen

Allerdings wurde bald deutlich, dass Hitler über die friedliche Revisionspolitik der Weimarer Republik weit hinausging. In zahlreichen Überrumpelungsaktionen hat er das verhasste "System von Versailles" durch einseitige Vertragsverletzungen schrittweise ausgehebelt. Bereits im Herbst 1933 erklärte er den Austritt aus dem Völkerbund. Im März 1935 sagte sich Hitler von allen Rüstungsbeschränkungen los; es folgten die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und im März 1936 die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands.

Nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 folgte der Druck auf die Tschechoslowakei. Um einen Krieg in letzter Minute abzuwenden, waren Großbritannien und Frankreich auf der Münchner Konferenz Ende September 1938 bereit, einer territorialen Amputation der Tschechoslowakei zuzustimmen. Am 1. Oktober marschierten deutsche Truppen in die sudetendeutschen Gebiete ein. Die Behauptung Hitlers, dies sei seine "letzte territoriale Forderung", erwies sich schnell als Lügenpropaganda.

Die Entfesselung des Krieges

Bereits drei Wochen nach München erteilte Hitler die Weisung zur "Erledigung der Resttschechei". Am 15. März 1939 marschierten deutsche Truppen ein. Erst jetzt gaben die Westmächte ihre Zurückhaltung, die als Appeasement-Politik charakterisiert wird, auf. Der britische Premierminister Chamberlain verkündete am 31. März eine britisch-französische Garantie für Polen. Das hinderte Hitler nicht daran, seine Ende 1938 eingeleitete Pressionspolitik gegenüber Polen zu intensivieren. Die Rückgabe Danzigs und eine exterritoriale Auto- und Eisenbahn durch den "Korridor" waren die für Polen nicht akzeptablen Forderungen.

Um den Widerstand der Westmächte zu konterkarieren, vereinbarte Hitler einen Nichtangriffsvertrag mit dem bolschewistischen Erbfeind. Der Hitler-Stalin Pakt vom 23 August 1939 schockierte die Weltöffentlichkeit, weil sich die politisch-strategische Position Hitlers schlagartig verbessert zu haben schien. Um die deutsche Bevölkerung auf den bevorstehenden Angriff auf Polen einzustimmen, verbreitete das Propagandaministerium Berichte über angebliche polnische Grenzverletzungen und Übergriffe auf "Volksdeutsche". Der Schutz deutscher Minderheiten wurde zum Vorwand der Expansionspolitik. Durch einen von Deutschland fingierten polnischen Angriff auf den Sender Gleiwitz sollte der in den Morgenstunden des 1. September eröffnete Angriff gerechtfertigt werden. Großbritannien und Frankreich erklärten am 3. September dem Deutschen Reich den Krieg, eröffneten aber keine zweite Front.

Die brutale Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik begann

Trotz entschlossener Gegenwehr wurde Polen von der deutschen Militärmaschinerie in fünf Wochen überrannt. Mitte September ließ Stalin den Teil Ostpolens besetzen, den Hitler ihm in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt überlassen hatte. Nach der territorialen Zerstückelung wurde mit der physischen Ausrottung der polnischen Führungsschicht und der Zusammenpferchung der Juden in Groß-Gettos eine brutale Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik eingeleitet.

Der Krieg war schon 1939 verloren

Nach dem Sieg über Polen überzog Hitler den europäischen Kontinent mit weiteren "Blitzsiegen". Am 22. Juni 1941 erfolgte der Angriff auf den "Bündnispartner" Sowjetunion, der von der nationalsozialistischen Propaganda als Präventivkrieg hingestellt wurde. Nach einem schnellen Vormarsch hatten sich die deutschen Truppen im Dezember 1941 vor Moskau festgefahren. Das Blitzkriegskonzept war gescheitert. Mit dem Kriegseintritt der USA am 11. Dezember 1941 kurz nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor erreichte der Krieg dann globale Dimensionen. Deutschland war jetzt mit einer weltweiten Anti-Hitler-Koalition konfrontiert. Die Initiative war auf die "Großen Drei" Churchill, Roosevelt und Stalin übergegangen.

Wann war dieser Krieg für Deutschland verloren? Aus der Sicht der Zeitgenossen ist die Vernichtung der 6. Armee in Stalingrad ein psychologischer Wendepunkt. Aus der historischen Rückschau lautet die Antwort: bereits am 1. September 1939. Die Zielsetzung, schrittweise die Herrschaft über Europa zu erlangen und anschließend Amerika "die Stirn zu bieten", entsprach von Anfang an nicht den weltpolitischen Realitäten. Früher als von Hitler erwartet, richteten sich die nahezu unerschöpflichen wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen der USA mit voller Wucht gegen das nationalsozialistische Deutschland.

Das Ergebnis ist bekannt. Die bedingungslosen Kapitulationen vom 7. und 9. Mai 1945 in Reims und Berlin-Karlshorst sind eindeutig. Der von Hitler am 1. September entfesselte Eroberungs- und Vernichtungskrieg war auf die Deutschen zurückgefallen. Deutschland wurde zum Objekt der internationalen Politik, die für nahezu ein halbes Jahrhundert vom Ost-West-Gegensatz geprägt wurde.

Erinnerungspolitik

Die "Bilanz" des Zweiten Weltkrieges ist verheerend. Vor allem die über 60 Millionen Toten sind eine Mahnung zur Suche nach dauerhaftem Frieden. Gegenüber den Opfern sind wir verpflichtet, die Erinnerung an den Krieg wach zu halten. Dieses Erinnern darf sich allerdings nicht in Ritualen der Kranzniederlegung erschöpfen. Die Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen des Zweiten Weltkriegs hält auch Lehren für Gegenwart und Zukunft bereit.

Das gilt etwa für die historischen Erkenntnisse über die machtpolitischen Mechanismen der Interdependenz von Friedensrhetorik und Aggressionspolitik. So ist aus der Rückschau klar zu erkennen, dass Hitler sich nur deshalb als Schutzpatron der deutschen Minderheiten außerhalb der Reichgrenzen aufspielte, um seine Expansionspolitik zu "legitimieren". Dies sollte es uns erleichtern, die sogenannte Putin-Doktrin zu entlarven: als Verbrämung einer brutalen imperialen Expansion.

Der Westen des 21. Jahrhunderts befindet sich in einer ähnlichen Lage wie die Appeasement-Politik vor dem Zweiten Weltkrieg. Wie können Staaten, die dem Frieden verpflichtet sind, völkerrechtswidrigen militärischen Grenzverschiebungen von Diktatoren oder Autokraten, die nach dem "Drehbuch" der Hitlerschen Aggressionen ablaufen, entgegentreten? Eine schnelle Gegenpolitik ist dringend geboten.

(RP)