Neues Gutachten zur Loveparade: Versagen des Durchlass-Systems vorhersehbar

Neues Gutachten zur Loveparade: Versagen des Durchlass-Systems vorhersehbar

Laut dem neuen Gutachten zur Katastrophe war das Versagen des Durchlass-Systems auf der Rampe vorhersehbar. Zäune und Mannschaftswagen der Polizei machten alles noch schlimmer und verengten den einzigen Zu- und Abgang des Veranstaltungs-Geländes auf eine Breite von 10,59 Metern.

Vom Duisburger Polizeipräsidium an der Düsseldorfer Straße 161 bis zur Karl-Lehr-Straße sind es nur ein paar Minuten zu Fuß. Man geht dort unter Bäumen, vorbei an Unternehmenssitzen und einer Bundesbankfiliale. Am 22. Juni 2010 schreiten sieben Polizisten, drei Mitarbeiter des Loveparade-Veranstalters "Lopavent" und ein Vertreter der Duisburger Feuerwehr diese Strecke ab. Man geht durch die Tunnel, bespricht Optimierungen von Publikumsführung und Durchlass-Kontrollen, bis die Gruppe schließlich auf der Rampe zum eigentlichen Veranstaltungsgelände steht.

Es geht auf 13 Uhr zu, als dort eine Entscheidung fällt, deren Umsetzung am 24. Juli 2010 dazu führen wird, dass für den Auf- und Abgang zum Loveparade-Gelände nur noch ein Durchlass von 10,59 Metern Breite zur Verfügung steht. So errechnet es der britische Panikforscher Keith Still in einem Gutachten für die Staatsanwaltschaft Duisburg, das unserer Zeitung vorliegt.

Die Verengung entsteht durch Mannschaftswagen der Polizei auf der Rampe. Mit ihnen will die Polizei im Fall eines Gewitters oder Starkregens eine Sperre errichten, um zu verhindern, dass Besucher-Massen in die Tunnel flüchten und es dort zur Katastrophe kommt. Offenbar überlegt keiner, was das für den Fall bedeutet, dass eine Menschenmenge die Rampe hinunter und eine andere die Rampe hinauf drängt.

Laut Stills Gutachten ist es diese Entscheidung — getroffen, um bei einem Unwetter Leben zu retten —, die bei strahlendem Sonnenschein am 24. Juli 2010 die Katastrophe endgültig unausweichlich macht. Ohne die Verengung durch die Polizeifahrzeuge, um die herum ein großzügig bemessener Zaun aufgestellt wird, hätten laut Still fast 90 000 Menschen die Rampe pro Stunde passieren können. Aus seiner Sicht ist das viel zu wenig: Statt 18 Meter Wegbreite ohne Polizeifahrzeuge hätten nach seiner Berechnung fast 30 Meter zur Verfügung stehen müssen. Woraus Still schlussfolgert: Das Versagen dieses Systems war vorhersehbar.

Die Verengung auf 10,59 Meter durch Zäune und Polizeiautos bedeutete nach seiner Berechnung, dass nur rund 52 000 Menschen diese Stelle binnen einer Stunde passieren konnten. Nach den erwarteten Besucher-zahlen hätten die Wege aber für mehr als 140 000 Menschen pro Stunde ausreichen müssen. Still hat seinem Gutachten eine Aufstellung von Massen-Paniken mit Toten und Verletzten aus den Jahren 1989 bis 2011 beigefügt. Den schlimmsten Fall markieren 363 Tote im Jahr 2006 an einer Pilgerstätte in Saudi-Arabien, den jüngsten 36 Tote und 70 Verletzte 2011 in Bamako auf Mali. In 21 der 35 aufgelisteten Katastrophen ist die Ursache immer die gleiche: zu viele Menschen, falsches Design der Durchlass-Systeme.

Das falsche Design wirkt laut Still dadurch tödlich, dass es Panik erzeugt. Anhand der Bilder der Katastrophe rekonstruiert Still, wie die Situation am Fuß der Rampe und vor der Treppe eskalierte. Zwei bis drei Menschen pro Quadratmeter seien unproblematisch, so Still. Doch ab sechs Menschen auf einem Quadratmeter versuchten diese aus der Enge zu fliehen. Auf den Bildern aus Duisburg zählte Still acht bis zehn Menschen auf einem Quadratmeter. In dieser Enge — ohne Lautsprecher, ohne sichtbare Beschilderung, nur umgeben von Lärm und Druck — hätten die Besucher die Treppe und die Masten als Fluchtmöglichkeit gesehen, aber die Gefahr durch den ungeheuren Druck direkt vor sich nicht erkannt.

Stills Experten-Meinung ist ein wichtiger Baustein zur Klärung der Frage, wer ursächlich mitschuldig an der Katastrophe ist. Über die Begehung vom 22. Juni 2010 gibt es zwei Protokolle. Eins fertigte ein Polizist einen Tag später an. In ihm taucht die Verabredung zum Aufstellen des Zaunes und der Autos nicht auf. Detailliert geht dies lediglich aus dem Protokoll eines Feuerwehrmanns hervor. Seine Schilderung stimmt mit den Fotos und Videoaufnahmen vom Tag der Katastrophe überein. Dennoch ist wohl unklar, wer das Kommando gab, die Zäune rund um die Polizeiwagen auf die Rampe zu stellen. Weit klarer geht aus Vernehmungen und Dokumenten hervor, wie es Mitarbeiter der Stadt Duisburg bei ihren Kontrollen vor der Katastrophe vermieden, die Rampe zu betreten.

Als die Besucherströme einmal entfesselt waren, hätte nur noch die Polizei über genügend Einsatzkräfte verfügt, um die Massenpanik zu verhindern. Die Polizeiwagen hinter ihrem Zaun waren da laut Staatsanwaltschaft längst nutzlos. Sie ließen sich nicht mehr durch die Menge bewegen. Sie standen samt des Zauns nur noch im Weg.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gedenktag Loveparade: Das sagen die Duisburger

(RP/csi)