Neonazis ermordeten zehn Menschen: Verneigung vor den Opfern

Neonazis ermordeten zehn Menschen: Verneigung vor den Opfern

1200 Vertreter aus Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft gedenken am Donnerstag in Berlin der Mordopfer der rechtsextremen Zwickauer Terrorzelle. Angehörige der Ermordeten werden auch zu Wort kommen.

Jahrelang mussten die Angehörigen der Mordopfer der Zwickauer Terrorzelle damit leben, dass das Verbrechen an ihren Liebsten unaufgeklärt geblieben ist. Einige Angehörige gaben den Behörden Hinweise, dass sie einen rechtsextremen Hintergrund vermuten. Die Ermittler suchten vielfach, aber in Richtung "Milieutat" oder "Beziehungstat", und wurden nicht fündig.

Dass die Sonderermittlungskommission den Beinamen "Soko Bosporus" bekam, spricht für die einseitige Ermittlung. Der Begriff Döner-Morde, der für die Mordserie der Jahre 2000 bis 2007 vielfach verwandt wurde, ist zum Unwort des Jahres 2011 gewählt worden. "Bei vielen Angehörigen entstand aufgrund des Umgangs mit den Morden der Eindruck, dass sie keine vollwertigen Mitglieder unserer Gesellschaft sind. Dem wird heute entgegengewirkt", sagte SPD-Vize-Chefin Aydan Özoguz unserer Redakton.

Mit der Gedenkveranstaltung will der Staat "ein Zeichen des Zusammenhalts und des Einstehens gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt setzen", heißt es in einer Mitteilung des Präsidialamtes. Gedacht werden soll der zehn Opfer der Mordserie, deren rechtsextremistischer Hintergrund erst im vergangenen Jahr aufgedeckt wurde.

Merkel wird zentrale Rede halten

Neben acht türkischen Einwanderern gehören ein griechischer Migrant und eine Polizistin zu den Opfern. In das Gedenken sollen auch die Opfer anderer rechtsmotivierter Straftaten einbezogen werden. Anstelle des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff wird Bundeskanzlerin Merkel die zentrale Rede bei der Gedenkfeier halten. Auch Semiya Simsek und Gamze Kubasik, beide Töchter von Mordopfern, werden zu Wort kommen.

Insgesamt haben sich 1200 Gäste aus der deutschen und türkischen Politik, von Verbänden, Gewerkschaften, Kirchen, Initiativen gegen Rechts und Familien der Opfer im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt angemeldet. Auch der künftige Bundespräsident Joachim Gauck wird kommen. "Es ist gut, dass wir mit dieser Gedenkveranstaltung ein deutliches Zeichen gegen Rechtsextremismus setzen. Das sind wir den Opfern schuldig", betonte SPD-Vize-Chefin Özoguz. Es stehe aber noch aus, die Mordserie aufzuklären.

"Die Angehörigen der Opfer können vermutlich erst dann zur Ruhe kommen, wenn die Taten aufgeklärt sind. Dabei müssen wir schonungslos vorgehen." Die türkischstämmige Politikerin mahnte: "Wir müssen unseren Blick dafür schärfen, was sich in unserer Gesellschaft entwickelt." Es gebe heute Fremdenfeindlichkeit auch in der Mitte der Gesellschaft "und zwar auch gegen Menschen, die hier bereits geboren und groß geworden sind". Um dem entgegenzuwirken, müssten unbedingt die zivilgesellschaftlichen Organisationen gestärkt werden. "Wir brauchen Mahner gegen Fremdenfeindlichkeit, die das Thema kontinuierlich aufgreifen, damit die Mehrheitsgesellschaft immer wieder aufgerüttelt wird."

Um 12 Uhr bundesweite Schweigeminute

Im Vorfeld der Gedenkfeier warben Gewerkschaften und Parteien dafür, dass um 12 Uhr bundesweit eine Schweigeminute eingelegt werden soll. Die Kirchen riefen die Gläubigen zum Gebet für die Mordopfer rechtsextremer Gewalt und deren Familien auf. "Wer die Würde und das Recht von Menschen missachtet, wer andere Menschen hasst, verletzt oder gar ermordet, der handelt gegen den Willen Gottes", heißt es in einer Erklärung der beiden christlichen Kirchen. "Gemeinsam müssen wir Ausgrenzung und Hass überwinden und zu Frieden befähigen."

Der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, erklärte, er erwarte von Kanzlerin Merkel den Anstoß einer Debatte über Rassismus. Er kritisierte, dass in der Öffentlichkeit oft über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit diskutiert werde. Das Wort Rassismus würde dabei aber vermieden. "Mit dem Wort wird ein ganzes Phänomen verschwiegen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gedenken der Opfer im Bundestag

(RP/felt/csr/rm)