1. Panorama
  2. Deutschland

Inzestprozess in Nürnberg: Vergewaltigungsvorwurf fallen gelassen

Inzestprozess in Nürnberg : Vergewaltigungsvorwurf fallen gelassen

In dem Aufsehen erregenden Inzestprozess um die angebliche jahrzehntelange Vergewaltigung einer Frau durch ihren Vater hat das Landgericht Nürnberg-Fürth den Vergewaltigungsvorwurf fallen gelassen. Bei dem Kontakt zwischen Vater und Tochter habe es sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt, urteilte das Gericht am Montag.

Renate B. ist nach Nürnberg gefahren. Sie hat sich heimlich und unerkannt in den Zuhörersaal des Landgerichts gesetzt, weil sie hören wollte, dass ihr Vater bis an sein Lebensende hinter Schloss und Riegel kommt. Doch als Richter Günther Heydner noch mitten in der Begründung seines Urteils steckt, steht die 46-Jährige auf und geht: Der Inzestprozess ist ganz anders ausgegangen als sie und die meisten anderen es erwartet haben.

Statt eine lange Strafe wegen hundertfacher Vergewaltigung abzusitzen, kann der 69-Jährige darauf hoffen, im Jahr 2013 wieder frei zu sein. Für die Frau, an der B. unstrittig jahrelang seine perverse Lust auslebte, ist das Urteil laut ihrer Rechtsanwältin ein Alptraum.

In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wirkte Adolf B. noch wie ein Monster. Von 500-facher Vergewaltigung war darin die Rede, von mit dem vorgehaltenen Messer erzwungenem Sex. Als Renate B. zwölf Jahre alt war, soll sich der ehemalige Hilfsarbeiter und jetzige Rentner laut Anklage zum ersten Mal über seine Tochter hergemacht haben. Kurz vor seiner Festnahme im März zum letzten Mal. Nie verhütete der Mann, weshalb die Tochter drei Söhne von ihm bekam; zwei der behinderten Kinder starben wenige Jahre nach der Geburt.

Fälle sind verjährt

An den äußeren Umständen des Falles in dem 320-Einwohner-Dorf Willmersbach hat auch Richter Heydner keinen Zweifel. Die Geburten gab es und auch den Geschlechtsverkehr zwischen Vater und Tochter. Doch dennoch sah sich der Richter außerstande, den 69-Jährigen wegen Vergewaltigung zu verurteilen, zumal die mehr als 20 Jahre zurückliegenden Fälle verjährt sind.

Nur wegen des verbotenenen Beischlafs innerhalb der Familie und Nötigung verurteilte er ihn zu zwei Jahren und acht Monaten Haft - ein mit Gewalt erzwungener Sex sei nicht nachweisbar. Selbst dieses niedrige Strafmaß relativierte der Richter noch: Zwar sei es "moralisch sicher eine Ungeheuerlichkeit, wenn der Vater mit der eigenen Tochter Geschlechtsverkehr betreibt". Dies zu bestrafen sei "juristisch aber nicht unumstritten".

Rechtsanwältin Andrea Kühne wirkte nach der Urteilsbegründung sichtbar geschockt. Die Vertreterin der Tochter hatte wie die Staatsanwaltschaft vierzehn Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung für Adolf B. gefordert. Kühne hatte auch versucht zu erklären, wieso ihre Mandantin in 34 Jahren niemals selbst dem Treiben des Vaters ein Ende gemacht und ihn etwa angezeigt hat.

  • Aufsehenerregende Inzest-Fälle
  • Inzestfall von Willmersbach vor Gericht : Adolf B.: "Sie hat selber mitgemacht"
  • Inzestfall : Rentner soll Tochter mehrfach geschwängert haben

Mit dem sogenannten Stockholm-Syndrom, demzufolge Geiseln Zuneigung für ihren Entführer entwickeln können, argumentierte sie. Auch mit dem Fall der in Österreich über Jahre gefangen gehaltenen Natascha Kampusch: Die sei mit ihrem Peiniger auch zum Skifahren gegangen und habe sich dort niemandem anvertraut.

Doch Richter Heydner akzeptierte diese Argumente nicht. Er begründete den Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung vor allem mit den Widersprüchen in den verschiedenen Vernehmungen der Tochter. Mal habe sie sich beim ersten Mal selbst ausgezogen, in einer anderen Darstellung habe der Vater sie gepackt, mal sei die Mutter dabei gewesen, dann habe sie nach dem ersten Eindringen eine Blutung gehabt und in einer anderen Darstellung keine Blutung. "Bei einem solchen Aussageverhalten, das sich in entscheidenden Gesichtspunkten von Fall zu Fall ändert, konnten wir keinen Tatnachweis begründen."

Auch Rechtsanwältin Kühne musste einräumen, dass dies juristisch logisch ist - ihrer Mandantin sei aber ein so beispielloses Schicksal widerfahren, dass das psychologische Element als Auslöser der Widersprüche nicht vergessen werden dürfe. Aber war Renate B. womöglich doch gar nicht das Opfer, wie es ihre Anwältin darstellte, sondern von Rachegedanken getrieben?

Dieses mögliche Motiv brachte der Richter ins Spiel. Erst als sie erfahren habe, dass sie nicht alleinige Erbin des Elternhauses werde, habe sie "heftige Aggressionen" dem Vater gegenüber gezeigt. Für einen Moment stand die Tochter wie eine Täterin dar - das Urteil hätte nicht schlechter für sie ausgehen können.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Inzestfall von Willmersbach: Adolf B. vor Gericht

(AFP)