1. Panorama
  2. Deutschland

Undurchsichtige Finanzen bei der Kinderhilfe

Undurchsichtige Finanzen bei der Kinderhilfe

Berlin (RP). Die Kritik an Spendenorganisationen reißt nicht ab. Nun muss sich auch die Deutsche Kinderhilfe für unklare Finanzstrukturen verantworten. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen hat seine Gemeinnützigkeit inzwischen bereits abgegeben.

Kaum sind die Querelen um Unicef verklungen, gerät ein Verein, der sich ebenfalls um das Wohl der Kinder sorgt, ins Zwielicht: die Deutsche Kinderhilfe. Kritiker werfen der Organisation unklare Finanzstrukturen vor. Der Landesverband NRW hat auf Gemeinnützigkeit inzwischen freiwillig verzichtet. Die Mitgliedschaft des Bundesverbands im Deutschen Spendenrat ruht. Dessen Mitgliedsversammlung will am 3. Juni entscheiden, ob der Verein weiterhin Mitglied bleiben kann.

"Dieser Fall ist ungewöhnlich", sagt Daniela Felser, Geschäftsführerin des Spendenrates. Ein derartiges Schiedsausschuss-Verfahren habe es beim Spendenrat bisher nicht gegeben. "Wir haben sehr strenge Aufnahmekriterien." Der Knackpunkt bei der Deutschen Kinderhilfe: Sie hat sich bei ihrer Gründung als gemeinnützig gemeldet, aber ihren Landesverband NRW inzwischen wirtschaftlich ausgerichtet.

Spendenexperte Christoph Müllerleile, der Mitglied des Schiedsausschusses war, macht der nach seinen Worten "selbsternannten Kinderlobby" nun den Vorwurf, "dass sie von Anfang an darauf ausgerichtet war, kommerziell zu wirtschaften. Dabei ist ein solches Organ eigentlich überflüssig, weil es sehr viele gute Fürsprecher für Kinderangelegenheiten gibt."

Die Problematik verschärft aus seiner Sicht, dass die Kinderhilfe sehr öffentlichkeitswirksam auftritt. "Aber nur in Form ihres Vorsitzenden, der von Talkshow zu Talkshow geht", sagt Müllerleile über den Vorsitzenden Georg Ehrmann, einen 41-jährigen Rechtsanwalt. Ein Ein-Mann-Betrieb brauche aber nicht derart hohe Millionenbeträge. Laut Homepage besteht der Verein aus acht aktiven und rund 25 000 Fördermitgliedern.

Der Landesverband NRW erwirtschaftete 2006 einen Umsatzerlös von 2,66 Millionen Euro, von denen 1,6 Millionen auf Löhne, Gehälter und soziale Abgaben entfielen. Der Bundesverband gibt rund ein Drittel seiner Fördermittel für Personalkosten aus. Ungewöhnlich ist sowohl, dass Teile derselben Organisation wirtschaftlich arbeiten und andere gemeinnützig. Ebenso, dass der nicht gemeinnützige Verband NRW zum Teil den gemeinnützigen Bundesverband finanziert.

Ehrmann sagte gegenüber unserer Zeitung, diese Struktur sei im Non-Profit-Sektor "absolut üblich". Er verwies auf das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter und den ADAC, die in Teilen mit wirtschaftlich arbeitenden GmbHs ausgestattet seien. Sein Ziel und das der Gründer sei es von Anfang an gewesen, eine Hilfsorganisation zu gründen, die nicht von staatlichen Zuschüssen abhängig sei. "Natürlich muss sie so aufgestellt sein, dass sie wirtschaftlich erfolgreich ist. Nur selbst versorgend kann eine unabhängige Marke geschaffen werden", sagte Ehrmann. Er sei "vollkommen zuversichtlich", die Mitgliedschaft im Deutschen Spendenrat wieder zu bekommen.

Erstmals skeptisch reagiert hatte vor mehr als einem Jahr die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Rheinland-Pfalz auf die Finanzstrukturen. Sie belegt dubiose Vereine mit einem Sammlungsverbot. Die ADD prüfte und kam zu dem Ergebnis, dass es nicht erkennbar sei, ob Spenden satzungsgemäß verwendet würden.

Wegen "nicht hinreichender Transparenz" wird der NRW-Ableger derzeit auch vom Landesbeauftragten für Datenschutz (LDI) überprüft. Sprecher Nils Schröder erklärt, man untersuche das Servicepaket "My-Fam", das die Kinderhilfe NRW ihren Fördermitgliedern als Dankeschön anbiete. Um es in Anspruch zu nehmen, müssten Nutzer viele persönliche Daten preisgeben. Wer diese verwaltet, sei nicht ausreichend zu erkennen, weil an dem Angebot ein Geflecht von Firmen beteiligt sei. Ehrmann sagt: "Ich kann 100-prozentig ausschließen, dass bei uns Daten zweckentfremdet eingesetzt werden."

Als Konsequenz aus dem Fall, dessen Ergebnisse in den kommenden Monaten vom Spendenrat und LDI vorgelegt werden, fordert Müllerleile: "Die gemeinnützigen Organisationen in Deutschland müssten einen Dachverband bilden, der über die Spendenethik wacht."