1. Panorama
  2. Deutschland

Umweltexperte Kuhlicke: Wir brauchen klimasichere Häuser und Städte

Lehren aus der Hochwasser-Katastrophe : „Man muss sich der Aufgabe stellen, neue Städte zu bauen“

Die Wetterextreme werden künftig unser Lebensumfeld umkrempeln: Zum Schutz auch vor Starkregen muss es künftig andere Häuser und andere, klimasichere Städte geben. Das sagt Christian Kuhlicke, Experte für Umweltrisiken. Wir haben ihn gefragt, wie wir künftig sicherer bauen können.

Haben wir bei den Folgen des Klimawandels immer zu anderen Kontinenten geschaut und dabei den Bach vor der eigenen Haustüre aus dem Blick gelassen?

Kuhlicke Ich kenne zwar die jetzt betroffenen Menschen vor Ort nicht, aber dennoch kann man sich vorstellen: Man hat Jahrzehnte neben einem Bächlein gewohnt. Das kannte man gut, mal stieg es etwas an, mal sank der Wasserspiegel – aber immer war es doch friedlich. Die Unvorstellbarkeit besteht nun darin, dass ausgerechnet diese Bächlein so aus den Fugen geraten und über ihre Ufer getreten sind. Aber auch für Experten, mit denen ich gesprochen habe, war dieses Ereignis jenseits der Vorstellungskraft. Das dürfte ebenso für nahezu jeden betroffenen Hauseigentümer gelten, der neben einem solchen Bächlein bisher gewohnt hat.

Was heißt das konkret?

Kuhlicke Diese Ereignisse werden – und darauf deuten derzeit alle verfügbaren Daten hin – künftig höchstwahrscheinlich zunehmen und häufiger werden. Das heißt: Die Herausforderungen, die auf uns zukommen, führen dazu, dass wir in einer komplett neuen Umwelt leben werden.

Wird also unser gesamtes Lebensumfeld künftig einmal umgekrempelt?

Kuhlicke Ja, das wird sehr wahrscheinlich so sein. Wenn man annimmt, dass ein Hitzesommer wie 2018 und Starkregenfälle wie 2021 nicht nur alle 100 Jahre geschehen, sondern deutlich häufiger, muss man sich der Aufgabe stellen, neue Städte zu bauen und die Landschaften neu zu nutzen. Wir brauchen ein neues Planungsverständnis und müssen zum Beispiel viel stärker im Gesamtzusammenhang eines Flussgebiets denken.  

Im Mittelalter hat man irgendwann die Städte zum Schutz vor Feinden mit hohen Mauern umgeben. Stehen wir wieder vor einem grundlegenden Umbau unserer Städte, wenn auch aus ganz anderen Motiven?

Kuhlicke Irgendwann wurden die Mauern überflüssig und stattdessen Umgehungsstraßen gebaut. Das zeigt: Die Anforderungen an Städte ändern sich unter den jeweiligen Bedingungen, auf die die Städte dann meist auch reagieren. Und da scheint es jetzt tatsächlich zu grundlegenden Veränderungen zu kommen.

Das heißt dann aber auch, dass es in den betroffenen Gebieten weniger um einen Wiederaufbau gehen kann, sondern vielmehr um komplette Neubauten – diesmal unter den Gesichtspunkten etwa der künftigen Hochwassergefahr.

  • Die Überflutung der Ostparksiedlung ist ein
    Spundwände und neue Deiche : Wo sich Düsseldorf jetzt vor Hochwasser schützt
  • Ein Bild vom Hochwasser der Wupper
    Hochwasser-Historie in Radevormwald : Die Wupper trat schon früher über die Ufer
  • Schlamm kehren, Wasser absaugen: Seit Tagen
    Erkrath nach der Flut : Stadtwerke helfen mit Hochwasser-Scheck

Kuhlicke Das wäre zumindest wünschenswert. Wir müssen dabei über Prioritäten nachdenken und reden. Man tut den Menschen vor Ort einen großen Gefallen, wenn man sich der Frage stellt: Wie können wir wieder aufbauen, dass auf der eine Seite der Ort die Heimat bleibt, und auf der anderen Seite der Ort sicherer wird, also zum Beispiel die Folgen eines Starkregenereignisses nicht mehr so dramatisch sind. Es gibt hier in Sachsen Menschen, die schon zwei, drei Mal ihr ganzes Hab und Gut durch Hochwasser verloren haben. Man könnte doch jetzt mit Modellkommunen beginnen, die beispielhaft zeigen, wie man sich aus einer solchen Krise erneuern kann. Das Hochwasser jedenfalls hat widerlegt, wie wir bisher gelebt und gebaut haben. Katastrophen zeigen halt immer, wie robust unsere bisher gültigen Wirklichkeitskonstruktionen sind.

Wir werden also künftig besser wieder in Pfahlbauten leben?

Kuhlicke Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Es ist keine Frage der Technik mehr, sondern des Wollens. Wir müssen unsere kulturellen Muster – etwa des Bauens – ändern. Niemand will wieder in Pfahlbauten leben! Dennoch müssen wir uns die Frage sehr ernsthaft stellen, wie wir die Häuser aufbauen, dass sie beim nächsten Hochwasser nicht wieder zerstört werden und die Schäden so gering wie möglich bleiben. Diese Fragen muss man zulassen. Und da sind Stadtplaner und Architekten gefragt, auch Soziologen und Kulturwissenschaftler, aber natürlich auch Ökonomen. Der größte Fehler aber wäre es, einfach wieder aufzubauen.

Wie könnte denn neu und künftig sicherer gebaut werden?

Kuhlicke So komisch sich das möglicherweise anhört: Es gibt eine trockene und eine nasse Vorsorge. Bei der trockenen Vorsorge versucht man zu verhindern, dass überhaupt Wasser ins Haus eindringen kann. Entweder baue ich das Haus dann auf Stelzen, oder ich bringe Dammbalken an Türen an, baue druckdichte Fenster ein und Rückstauklappen, damit das Grundwasser nicht reinkommt. Bei der nassen Vorsorge fließt das Hochwasser einfach durchs Haus durch. Aber es werden Baumaterialien verwandt, die nicht aufquellen; und man hält das Mobiliar flexibel. Anschließend gehe ich, überspitzt formuliert, mit dem Kärcher durch, und vieles ist wieder in Ordnung. Allerdings – und das ist in Angesicht der Katastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW wichtig: Solche Maßnahmen helfen nicht mehr bei diesen Wassermassen. Da gilt es allein Leib und Leben zu retten. Daher gilt: Risiken und Konsequenzen muss man immer vor Ort sehr genau abschätzen. Auch ist jeder Wassertropfen, der nicht ins Dorf reinfließt und der von der Landschaft zurückgehalten werden kann,  ein Segen.

Verstehen wir den Klimawandel besser, wenn plötzlich die Auswirkungen uns konkret gefährden?

Kuhlicke Das weiß ich nicht. Es gelingt selbst der sogenannten Attributionsforschung nicht, konkrete Ereignisse gesichert unmittelbar dem Klimawandel zuzuordnen. Das ist sogar bei den lokalen Starkregenereignissen nicht möglich – oder nur mit erheblichen Unsicherheiten. Fest steht aber, dass mit der Erderwärmung solche Ereignisse wahrscheinlich zunehmen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Aufräumarbeiten nach der Flut-Katastrophe in NRW