Tugce A: Nach ihrem Tod bleiben viele Fragen offen

Der Fall Tugce A. : Nach ihrem Tod bleiben viele Fragen offen

Ihr Fall löst in Deutschland große Betroffenheit aus. Weil sie sich schützend vor zwei Mädchen stellte, musste Tugce A. sterben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den mutmaßlichen Täter. Ein Überwachungsvideo zeigt, dass ihn ein Begleiter noch stoppen wollte. Vergeblich. Nun gilt es eine ganze Reihe von Fragen zu klären.

Tugce A. hat den Schlag nicht überlebt, knapp zwei Wochen nach einer Prügelattacke vor einem Offenbacher Schnellrestaurant wurde die Studentin für hirntot erklärt. Am Freitag ließen ihre Eltern die lebenserhaltenden Geräte abschalten — an ihrem 23. Geburtstag. Neben dem Verlust bleiben nun Fragen. Die Ermittler sind am Zug.

Woran ist Tugce gestorben?

Offiziell erlag sie schweren Schädel-Hirn-Verletzungen. Ob sie diese Verletzungen aber durch den Schlag oder den Aufprall auf das Pflaster vor dem Schnellrestaurant erlitt, muss die Obduktion klären. Diese wird nach Angaben der Offenbacher Staatsanwaltschaft im normalen Fall vorbereitet, wenn die Maschinen am Krankenbett ausgeschaltet werden.

Was soll vor dem fatalen Schlag passiert sein?

Die Momente kurz vor dem Schlag sind weitgehend geklärt, denn es gibt ein Überwachungsvideo, das den Angriff zeigt. Demnach hat der 18-Jährige die Studentin gegen 4.15 Uhr vor dem Imbiss abgepasst und zugeschlagen.

Fragen gibt es allerdings noch zu einem Streit vor den Toiletten im Keller des Schnellrestaurants. Tugce soll nach Zeugenaussagen bedrängten Mädchen zur Hilfe gekommen sein. Für das Streitschlichten soll sich der 18-Jährige nach diesen Aussagen später gerächt haben.

Gibt es auch Zeugen für die Szene vor der Toilette?

Ja, aber von ihnen fehlt trotz zahlreicher Aufrufe der Polizei noch jede Spur. Den zwischen 13 und 16 Jahre alten blonden Mädchen, die nach Zeugenaussagen betrunken waren, soll Tugce geholfen haben, nachdem sie um Hilfe gerufen hatten.

Wie die Bild-Zeitung am Samstag berichtet soll ein Überwachungsvideo zudem zeigen, wie ein Begleiter den Schhläger mehrfach zurückhielt und sich zwischen Tugce und den Angreifer stellte. Zuvor soll der Beschuldigte sogar nach einer ersten Konfrontation mit dem Opfer in einen Wagen gestiegen sein, ihn dann aber wieder verlassen haben, um Tugce den Schlag zu versetzen. Ob sein Begleiter der Polizei bekannt ist, blieb am Samstagabend zunächst unklar.

Was ist über den mutmaßlichen Schläger bekannt?

Bislang eher wenig. Der 18-Jährige lebt in Offenbach. Er ist der Polizei bereits bekannt, gilt trotz mehreren Vorstrafen aber nicht als Intensivtäter. Derzeit sitzt er in Untersuchungshaft im Wiesbadener Gefängnis. Den Schlag an die Schläfe soll er in einem ersten Verhör gestanden haben. Seitdem schweigt der junge Mann.

Was kommt jetzt auf den jungen Mann zu?

Der Haftbefehl lautet noch auf Verdacht auf schwere Körperverletzung, das dürfte sich mit dem Tod von Tugce ändern. "Der neue Tatvorwurf wäre dann Körperverletzung mit Todesfolge", sagte Staatsanwalt Axel Kreutz. "Der Vorwurf eines vorsätzlichen Tötungsdelikts kommt nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand nicht in Frage." Damit schließt er eine Anklage wegen Mordes oder Totschlags aus.

Wieso ist die Anteilnahme im Netz so groß?

Eine Mahnwache, Plakate, etliche Kerzen und Zehntausende Beileidsbekundungen auf Facebook und bei Twitter - dass Tugces Schicksal derart bewegt, findet die Berliner Notfallpsychologin Corina Hausdorf völlig verständlich. "Jeder hat schon mal Ungerechtigkeit erlebt und kann sich damit identifizieren", sagt sie.

Außerdem wünsche man sich in Gefahrensituationen einen Menschen wie Tugce, der eingreife. "Kommentare auf Facebook oder über Twitter geben den Menschen die Möglichkeit, etwas zu tun", sagt Hausdorf weiter.

Ist Tugce ein Einzelfall?

Nein, immer wieder setzen sich Menschen einer Gefahr aus, wenn sie einen Streit schlichten wollen. Eines der bekanntesten Beispiele: Der Manager Dominik Brunner. Er wurde im September 2009 an einem S-Bahnhof in München von Jugendlichen zu Tode geprügelt, als er sich schützend vor Schüler stellte. Die zur Tatzeit 17 und 18 Jahre alten Jugendlichen wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise wegen Mordes verurteilt. Brunner war posthum mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Ist es möglich, dass Tugce diese Auszeichnung auch bekommt?

Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Es ist nach Angaben des Bundespräsidialamtes die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht. Jeder Bürger kann einen anderen für den Verdienstorden vorschlagen, nicht aber sich selbst.
Geht es nach den Unterzeichnern einer Internet-Petition, ist die Sache klar: Inzwischen unterzeichnete bereits mehr als 111.000 Menschen. Nach Informationen der dpa prüft Bundespräsident Joachim Gauck den Fall bereits.

(dpa)
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