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70 Jahre Wannseekonferenz: Treffen des Grauens

70 Jahre Wannseekonferenz : Treffen des Grauens

Am 20. Januar 1942 besprach Reinhard Heydrich, einer der Machtvollsten in Hitlers Terrorsystem, zusammen mit 14 weiteren Nazi-Größen Pläne zur "Endlösung der Judenfrage".

Wannsee-Konferenz — der Begriff steht für deutsche Gründlichkeit in denkbar perfider Ausprägung.

Heute vor 70 Jahren besprachen fünfzehn führende Männer des NS-Apparates — SS-Leute, NSDAP-Vertreter und Staatssekretäre verschiedener Ministerien, wie man sich im Reich und in den besetzten Gebieten ein für alle Mal der Millionen Juden entledigen könnte. "Endlösung der Judenfrage" lautete das Stichwort zur Koordinierung des bereits beschlossenen Völkermords.

Einberufen und geleitet wurde das Treffen in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin von Reinhard Heydrich. Er war der gefürchtete Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Protokolliert wurde die neunzig Minuten dauernde Besprechung von Heydrichs Adlatus, SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, dem Leiter des "Judenreferates".

Ein "Führer-Befehl" wurde nie gefunden

Der Historiker Mark Roseman nennt das nach Kriegsende entdeckte Protokoll der Wannsee-Konferenz "das vielleicht schändlichste Dokument der modernen Geschichte".

Die Schrift enthält keine wörtliche Wiedergabe des Besprochenen durch Eichmann, der 1962 in Israel nach spektakulärem Prozess hingerichtet wurde. Sie war von Eichmann erstellt und von Heydrich, der im Juni 1942 einem Attentat tschechischer Widerständler zum Opfer fiel, redigiert worden. Auch deshalb gilt das Protokoll als so aufschlussreich für die Koordinierung des Holocaust.

Ein schriftlicher "Führer"-Befehl zur Vernichtung der europäischen Juden (die Wannsee-Runde ging von elf Millionen Juden im Einflussgebiet des NS-Staates aus) wurde nie gefunden; es hat ihn nach Meinung der Historiker wohl auch nie gegeben. Hitler scheute schriftliche Belege seiner monströsen Entschlossenheit zum Völkermord.

Nach Erkenntnissen der Geschichtsforschung war bei Hitler wenige Monate vor der Wannsee-Konferenz die Entscheidung zur Vernichtung der Juden Europas gefallen.

"Reinen Tisch machen"

Spätestens die vom Diktator am 12. Dezember 1941, unmittelbar nach Kriegseintritt der USA, zusammengerufene Versammlung der Reichs- und Gauleiter machte allen Beteiligten klar, was Propaganda-Minister Joseph Goebbels so zusammenfasste: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen."

Schon in seinem berüchtigten Buch "Mein Kampf" und dann nach der so genannten Machtergreifung machte Hitler seine Absicht klar, "dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen". Goebbels notierte dazu im Tagebuch, der Führer sei der unentwegte Vorkämpfer und Wortführer einer radikalen Lösung.

An deren Organisation machten sich Heydrich und die 14 anderen Schreibtischtäter der Wannsee-Konferenz. Sie vollzogen im Planerischen den "Führer"-Willen, "eine Technik der Entvölkerung" zu entwickeln, womit die Beseitigung eines gesamten Volkes gemeint war.

"Gesamtlösung der Judenfrage"

Joachim Fest zitiert in seiner Hitler-Biografie den obersten Kriegsherrn: "Wenn ich die Blüte der Deutschen in die Stahlgewitter des kommenden Krieges schicke, (...), sollte ich dann nicht das Recht haben, Millionen einer minderwertigen, sich wie das Ungeziefer vermehrenden Rasse zu beseitigen."

Zwischen Kriegsausbruch am 1. September 1939 und dem Tag der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 waren bereits zwischen 500.000 und 900.000 jüdische Kinder, Frauen und Männer dem Staatsterror zum Opfer gefallen. Im Dezember 1941 wurde erstmals mit Giftgas getötet.

Heydrich begann die Besprechung mit dem Hinweis auf den schriftlichen, ihm von Reichsmarschall Hermann Göring am 31. Juli 1941 erteilten Auftrag, man möge "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht für eine Gesamtlösung der Judenfrage" treffen.

Im Wannsee-Protokoll mit dem Stempel "Geheime Reichssache" heißt es an einer Stelle: "Das Aufgabenziel war, auf legale Weise den deutschen Lebensraum von Juden zu säubern." Im Übrigen liege die Federführung bei der "Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage" beim Reichsführer SS, Heinrich Himmler.

Wenn die Konferenzteilnehmer verschleiernd von "Evakuierungen nach dem Osten nach vorheriger Genehmigung durch den Führer" sprachen, meinten sie in Wahrheit die Auslöschung der abtransportierten Juden.

"Von Westen nach Osten durchkämmend"

Laut Heydrich sollten die Liquidierungen "den Kontinent von Westen nach Osten durchkämmend" erfolgen. Von erschreckender Kaltblütigkeit ist auch der Protokollverweis, arbeitsfähige Juden zum Straßenbau in den eroberten Gebieten kolonnenweise einzusetzen, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen" werde.

Im Klartext bedeutete das: Vernichtung durch Zwangsarbeit. Der "verbleibende Restbestand", bei dem es sich "möglicherweise um eine natürliche Auslese der Besten handele", solle "entsprechend behandelt" werden, wären sie doch anderenfalls nach Freilassung als "Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaus" anzusehen.

Ein Staatssekretär des "Generalgouverneurs" für das besetzte Polen drängte darauf, auf polnischem Gebiet "mit den Maßnahmen" zu beginnen, "die Judenfrage dort schnellstmöglich zu lösen", weil er keine Transportprobleme sähe.

Ohnehin sei die Mehrzahl der Juden hier nicht arbeitsfähig und "als Seuchenträger eine eminente Gefahr". Das bürokratische Grauen der Wannsee-Konferenz zeigte sich auch darin, dass penibel beredet wurde, wer als Jude im Sinne der "Endlösungs"-Strategie zu gelten habe. Die Philosophin Hannah Arendt prägte 21 Jahre später, nachdem sie Adolf Eichmann im Jerusalemer Strafprozess erlebt hatte, den Begriff von der "Banalität des Bösen".

(RP/csr/das)