Mehr Missbrauchsfälle werden bekannt: Tausende Straftaten an der Odenwaldschule

Mehr Missbrauchsfälle werden bekannt: Tausende Straftaten an der Odenwaldschule

Heppenheim (RP). Im Missbrauchskandal an der Odenwaldschule sind weitere Details bekannt geworden. Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS) haben sich inzwischen 33, zumeist männliche Betroffene gemeldet. Die ehemaligen Schüler belasten acht Pädagogen der Reformschule schwer.

Aus den Aussagen geht hervor, dass der Kreis der Betroffenen weit höher ausfallen könnte – womöglich sind Hunderte Schüler Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. Die Zahl der einzelnen Straftaten dürfte in die Tausenden gehen, da es sich vielfach um Wiederholungstäter handele.

Der ehemalige Schulleiter Gerold Becker hat inzwischen "Annäherungsversuche und Handlungen" eingestanden. In einem Brief an die heutige Schulleiterin Margarita Kaufmann bat er dafür bei den Betroffenen um Entschuldigung. Beckers Schreiben stößt dem Bericht zufolge bei diesen vielfach auf Ablehnung. Die Äußerung zeuge in erster Linie vom Selbstmitleid des Pädagogen, so die "FAS". Schüler hatten unter anderem ausgesagt, dass Becker sie durch intime Übergriffe geweckt habe.

Wie jetzt bekannt wurde, hatte es bereits in den 70er Jahren erste Hinweise auf einen Missbrauch durch den Schulleiter gegeben, die aber ohne Konsequenzen für Becker blieben. Auch als nach zwei Briefen einstiger Schüler an seinen Nachfolger Wolfgang Harder die Vorwürfe gegen Becker erneut öffentlich gemacht wurden, blieben die Sachverhalte laut dem Bericht unaufgeklärt.

Vielmehr sei Gerold Becker von Weihnachten 1997 bis Ostern 1998 noch einmal als Religionslehrer an die Schule zurückgekehrt. Kurz daraufhin nahm sich ein Schüler aus Beckers Klasse das Leben. Die "FAS" zitiert den Vater des Jungen, der nun vermutet, dass ein Missbrauch durch den Lehrer zum Freitod des Jungen geführt haben könnte.

  • 2010 : Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule

Einige Opfer erheben schwere Vorwürfe gegen das hessische Kultusministerium und die Staatsanwaltschaft Darmstadt. Beide Institutionen hätten sich 1999, als die sexuellen Übergriffe des ehemaligen Schulleiters Gerold Becker ruchbar wurden, durch Untätigkeit ausgezeichnet, sagte der Opferanwalt Thorsten Kahl der "Frankfurter Rundschau".

Da die Täter aufgrund von Verjährung nicht mehr belangt werden können, hat Schulleiterin Kaufmann nachträgliche Sanktionen wie etwa eine Kürzung der Pensionen für die betroffenen Lehrer ins Spiel gebracht. "Das finde ich absolut konsequent und auch notwendig", sagte sie im Hessischen Rundfunk. Wenn es keine staatlichen Pensionen gebe, auf die man zugreifen könne, seien auch bei einer Betriebsrente wie im Fall der Odenwaldschule Kürzungen denkbar.

"Ich würde mich in jedem Fall dafür aussprechen", erklärte Kaufmann den Angaben zufolge angesichts der fehlenden Möglichkeit für die Opfer, heute noch Schmerzensgeld einzuklagen. Bisher habe man als einzige Maßnahme Hausverbote erteilt und den Kontakt zu ehemaligen Lehrern abgebrochen.

(RP)