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Urteilsverkündung im "Ehrenmordprozess: Täter verliert die Beherrschung vor Gericht

Urteilsverkündung im "Ehrenmordprozess : Täter verliert die Beherrschung vor Gericht

Hamburg (RPO). Bei der Urteilsverkündung im Hamburger "Ehrenmordprozess" kam es im Gerichtssaal zu Zwischenrufen und Wutausbrüchen des Täters und einigen seiner Verwandten im Zuschauerraum. Ahmad O. zeigte mehrmals den Mittelfinger in Richtung des Staatsanwaltes. Der 24-Jährige wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe wegen Mordes an seiner Schwester verurteilt.

Als Ahmad O. wegen "Ehrenmords" an seiner Schwester Morsal zu lebenslanger Haft verurteilt wird, prallen im Hamburger Schwurgerichtssaal zwei Welten aufeinander: Die deutsche Justiz, die das Verbrechen an einer 16-Jährigen bestraft, und eine afghanisch-stämmige Familie, die zwei Kinder verloren hat. Die Richter sind überzeugt, dass O. seine Schwester tötete, um die Ehre der Familie wiederherzustellen. Die Angehörigen beklagen den Zusammenbruch ihrer Familie - mit Tränen und Beschimpfungen.

Bei den Worten "wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt" entlädt sich bei den Angehörigen von Ahmad O. Verzweiflung, Empörung und Wut. Die Frauen brechen in lautes Wehklagen, Schluchzen und Zetern aus, die Männer trommeln mit den Händen gegen die Trennscheibe des Zuschauerraums und schreien.

Täter verliert völlig die Beherrschung

Während der über einstündigen Urteilsbegründung lässt O. zwischendurch immer mal wieder seine Maske fallen. Als der Richter betont, ein solcher Mord sei auch in Kabul strafbar, sagt O., dort wäre er schon längst wieder frei. In Richtung des Staatsanwalts zeigt der 24-Jährige immer wieder seinen Mittelfinger.

Irgendwann kann sich der 14-jährige Bruder von Opfer und Täter, der schon die ganze Zeit weint, nicht mehr beherrschen. Er springt auf, trommelt gegen die Scheibe und brüllt: "Was glaubt ihr denn, nur weil ihr Deutsche seid." Und schreit unter Tränen weiter: "Ich habe meine Familie verloren." Dann muss er den Saal verlassen.

Backen spricht auch eine mögliche Mitverantwortung der Familie an. Diese sei zwar nicht angeklagt gewesen, aber: "Wenigstens eine hohe moralische Schuld trifft sie." Auf Ahmad, dem ältesten Sohn, habe ein großer Erwartungsdruck der Familie gelastet. Viele seiner Annahmen beruhten auf dem negativen Vorbild des Vaters. Dieser muss sich wegen der Misshandlung von Morsal demnächst vor Gericht verantworten.

Die Mutter von Opfer und Täter schluchzt nach der Urteilsverkündung mit gegen die Richter erhobenen Händen: "Was habt ihr gegen meinen Mann?". In dem allgemeinen Tumult sind von ihr Sätze wie "Scheiß auf Deutschland" zu hören. Auch der verurteilte Ahmad verliert völlig die Beherrschung und schreit den Staatsanwalt an: "Du Hurensohn. Ich f... deine Mutter." Dann zerren ihn Beamte aus dem Saal.

"Ein wahres Martyrium"

Doch der Richter führt aus, dass es in der Familie, die Anfang der 90er Jahre nach Deutschland kam, strenge hierarchische Familienstrukturen gibt Dass sie noch in Werten und Normen ihres Heimatlandes lebt: "Die eigene Ehre und die Ehre der Familie ist ein hohes Gut." Alles, was das Ansehen gefährde, werde mit Schlägen korrigiert.

Backen schildert, dass Ahmad "seine kleine Schwester, die er eigentlich beschützen sollte", jahrelang gequält und sie unter einem wahren Martyrium gelitten habe. Morsal - die von Zeugen als selbstbewusst, durchsetzungsfähig und fröhlich beschrieben worden sei - sei spätestens seit Mitte 2005 von ihrer Familie ständig kontrolliert und geschlagen worden, von den Brüdern, der Schwester und dem Vater. 2006 habe es erste Polizeieinsätze gegeben. Ingesamt sei das Mädchen sechs Mal vom Kinder- und Jugendnotdienst aufgenommen worden. Insbesondere vor ihrem Bruder habe Morsal große Angst gehabt.

Die Tat selbst hat Ahmad nach Ansicht der Richter Stunden zuvor geplant und heimtückisch ausgeführt. Am Nachmittag des 15. Mai 2008 habe er Morsal mit drei Jungen am Hauptbahnhof gesehen und sich wieder über ihr Äußeres geärgert. Dann habe er noch das Gerücht gehört, seine Schwester verdiene Geld als Prostituierte. "Vor dem Hintergrund, dass alle bisherigen Maßnahmen der Familie, Morsal zu einer Frau mit traditionellem afghanischen Verhalten zu entwickeln, gescheitert waren, beschloss er daher, Morsal zu töten", sagt der Richter.

Die Richter sehen bei dem Täter keine tiefgreifende Bewusstseinsstörung und keine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit durch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie die psychiatrische Gutachterin diagnostiziert hatte.

Verteidigung will Revision

Mit dem Urteil ist die Familientragödie noch nicht beendet. Die Verteidigung von Ahmad kündigte bereits an, in Revision gehen zu wollen.

Nur der Angeklagte selbst ist in diesem Moment noch gefasst: Er nimmt das Urteil mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen entgegen. An den weiß hervortretenden Knochen erkennt man den Druck, unter dem er steht.

Dann macht der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen in unerwartet deutlicher Weise klar, dass diese Tat ein Mord im Name der "Ehre" war, nicht im Affekt oder sonstiger verminderter Schuldfähigkeit geschehen. Ahmad O. habe seine Schwester getötet, weil sie nicht nach den für Frauen sehr strengen Regeln afghanischer Tradition leben wollte, sondern wie ein deutsches Mädchen. Nach Ansicht des Bruders habe Morsal durch ihre aufreizende Kleidung, auffällige Schminke und ihr Interesse an Männern die sogenannte Ehre der Familie beschmutzt. Irgendwann bricht es aus dem Angeklagten heraus: "Welche Ehre?" Er kenne keine Ehre, ruft er.

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