Studie zu Tabuthema: Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR wurde vertuscht

Fallstudie zu Tabuthema : Sexueller Kindesmissbrauch in der DDR vertuscht

Es war quasi Staatsdoktrin: Sexueller Missbrauch kam in der DDR nicht vor und tauchte in Statistiken nicht auf. Die Tabuisierung wirkt bei den Betroffenen bis heute nach und erschwert ihnen den Zugang zu Unterstützung.

Sexueller Kindesmissbrauch war eines der großen Tabu-Themen der DDR. Stärker und umfassender noch als in der Bundesrepublik wurde vertuscht und verschwiegen. Und das aus ideologischen Gründen: "Sexueller Kindesmissbrauch war in der DDR ein Politikum: Das passte nicht in die heile, sozialistische Welt, erläutert die frühere Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, die heute in der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch sitzt.

Am Mittwoch stellte sie zusammen mit Betroffenen eine Studie vor, die Missbrauchsfälle in der DDR untersucht. Das Fazit: Missbrauch war in der DDR noch stärker tabuisiert als in der alten Bundesrepublik. Das macht es den Opfern bis heute schwer, Unterstützung zu bekommen.

Der seit 2016 tätigen Aufarbeitungskommission war bei ihrer Arbeit schnell aufgefallen, dass sich deutlich weniger Betroffene aus dem Osten meldeten. Sie hakte nach und stellte fest, dass die jahrzehntelange staatliche Unterdrückung in der DDR das Vertrauen vieler in öffentliche Institutionen zerstört hat. Inzwischen haben sich mehr Betroffene aus den neuen Bundesländern gemeldet. 105 vertrauliche Anhörungen fanden bereits statt. Dazu schilderten 34 Betroffene in schriftlichen Berichten ihre Geschichte.

Dabei gab es in der DDR sexuellen Kindesmissbrauch in allen Schichten und Bereichen. Besonders in staatlichen Kinderheimen und den berüchtigten Jugendwerkhöfen, die erst 1990 geschlossen wurden, kam es zu massiven gewaltsamen und sexuellen Übergriffen.

Corinna Thalheim hat das in den 80er Jahren erlebt. Als 16-Jährige landete sie wegen "Schulbummelei" zunächst im Jugendwerkhof Wittenberg, schließlich im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, der "Endstation". "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens - zwei Jahre Willkür, Gewalt und sexueller Missbrauch durch den Direktor", schildert die Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative "Missbrauch in DDR-Heimen".

Nach ihrer Entlassung habe sie nicht gewagt, ihrer Familie von dem Erlebten zu erzählen: "Ich war sowieso schon stigmatisiert und galt im Dorf als Verbrecherin, weil ich im Jugendwerkhof war."

Die Studie zeigt auch, dass viele gleich mehrfach betroffen waren: So wurden etwa Kinder, die ein auffälliges Verhalten aufgrund sexuellen Missbrauchs in der Familie entwickelten, nicht selten in ein Heim geschickt und waren dort erneut sexueller Gewalt ausgesetzt.

Wie Renate Viehrig-Seger: "Mein Vater hat mich missbraucht, irgendwann hab ich mich der Jugendhilfe anvertraut, aber die haben mich zurückgeschickt." Sie riss schließlich aus - und landete im Jugendwerkhof Torgau, wo sie an ihrem Geburtstag erstmals vom Leiter missbraucht wurde. "Danach war ich gebrochen."

Bis heute leidet sie an diesem Trauma: "Vor zwei Jahren habe ich überhaupt zum ersten Mal mit einem Menschen über meinen Missbrauch sprechen können." Dazu kommt nach Ansicht der Autoren der Studie, dass die Heimkinder dort "doppelt eingeschlossen" gewesen seien. Eine erfolgreiche Flucht habe bestenfalls nur bis zur DDR-Grenze geführt. "Man konnte dem Leiden nicht entfliehen", so die Wissenschaftlerin Beate Mitzscherlich als eine der Autoren.

An den gesundheitlichen Folgen leiden viele Betroffenen bis heute. Dazu kommt, dass es für sie schwieriger als für westdeutsche Betroffene ist, Hilfsleistungen zu bekommen. So erhielten nur sehr wenige von ihnen Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz, da in der Regel nur für Missbrauchsfälle, die nach 1990 stattgefunden hätten, ein Antrag gestellt werden könne. Therapieangebote für sie habe es in der DDR nicht gegeben. Auch der Fonds für Heimkinder in der DDR sei inzwischen geschlossen. "Wir fallen aus allen Rastern heraus", meint Thalheim. "Dabei brauchen wir dringend Unterstützung."

Wie Bergmann appelliert sie an das Bundesfamilienministerium, einen eigenen Fonds für Betroffene aus der DDR aufzulegen. Neu ist die Forderung nicht: Bei einer öffentlichen Anhörung von Betroffenen vor zwei Jahren in Leipzig hatte schon die damalige Familienministerin Katarina Barley (SPD) gesagt: "Nur weil es den Staat DDR nicht mehr gibt, dürfen wir keinen Schlussstrich ziehen unter das Leid der Betroffenen und die Verantwortlichkeiten." Und weiter: Es müsse alles getan werden, um den Opfern "möglichst unbürokratisch" Hilfen zukommen zu lassen.

(kron/kna)
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