Entlassungs-Was?: Streit um "Unwort des Jahres"

Entlassungs-Was?: Streit um "Unwort des Jahres"

Frankfurt/Main (rpo). Kaum ist das "Unwort des Jahres" 2005 bekannt, gibt es die erste Debatte um die Entscheidung der Jury. "Entlassungs- was?" Kaum einer kennt den betriebswirtschaftlichen Begriff "Entlassungsproduktivität, den das Gremium aus fünf Sprachwissenschaftlern zum sprachlichen Missgriff des Jahres 2005 gekürt hat.

Auch Jury-Sprecher Schlosser räumt ein, dass der Ausdruck dieses Mal nur einmal per E-Mail vorgeschlagen worden sei. Aber immerhin hat der umtriebige Germanist das sperrige Wort im abgelaufenen Jahr wenigstens einmal in der "FAZ" aus dem Munde von Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser entdeckt. Zudem habe der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder den Ausdruck bereits 1998 kritisiert.

Und schließlich zählt für die Juroren, die seit 1991 jährlich ein Unwort küren, nicht die Häufigkeit der Nennung, sondern nur die "Diskrepanz zwischen dem Begriff und der bezeichneten Sache". Die zahlenmäßig stärksten Vorschläge "Schwampel-Koalition" für eine Koalition aus Union und Rot-Grün, sowie "Gammelfleisch" waren deshalb chancenlos: Denn sie klingen für viele Ohren ähnlich unangenehm wie die bezeichneten Dinge sein mögen.

Der Begriff "Entlassungsproduktivität" traf dagegen auf ähnliche Rezeption wie schon im Vorjahr "Humankapital": Ökonomen zeigten sich verwundert, dass Fachwörter aus ihrem Bereich in die Öffentlichkeit gezerrt und als sprachliche Missgriffe verunglimpft werden. "Das ist kein Unwort, sondern ein Fachbegriff, der sehr prägnant ein Problem beschreibt", sagt etwa der Geschäftsführer des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Rolf Kroker.

Das Wort diene dazu, Fehler in der Lohnfindung zu beseitigen, erklärt er. Eine um die Entlassungsproduktivität bereinigte Lohnformel sei niedriger, und das wiederum erleichtere es Arbeitslosen, wieder einen Job zu finden. "Letztendlich ist es ein guter Begriff", findet Kroker. "Ähnlich sieht man das bei Gesamtmetall: "Entlassungsproduktivität" sei ein etablierter wirtschaftswissenschaftlicher Fachausdruck, der auch vom Sachverständigenrat zur Beurteilung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verwendet werde. "Unsere Volkswirte müssen eben bestimmte Dinge beschreiben können", sagt ein Sprecher des Arbeitgeberverbandes.

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Für Schlosser ist das Wort dagegen schlicht "eine Unverschämtheit". Der Begriff verschweige schamhaft die schädlichen Folgen der Arbeitslosigkeit und verschleiere die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz behalten konnten. Überhaupt findet der emeritierte Germanistik-Professor, dass einige Wirtschaftsführer derzeit ihr Tun "verschleiern, beschönigen oder verharmlosen". Mit dem Vorwurf der Wirtschaftsfeindlichkeit hat er kein Problem: Schließlich sei die Jury schon im Vorjahr "zu Totengräbern der Volkswirtschaft" erklärt worden.

Plädoyer für gebräuchlichere Unwörter

Doch die "sprachkritische Aktion" stößt auch in Fachkreisen nicht nur auf Zustimmung. So kritisiert der Münchner Linguist Wolfgang Schulze das diesjährige Unwort als zu speziell. Ein solcher Fachbegriff werde in der Öffentlichkeit vielleicht ganz anders wahrgenommen. Erst der Kontext mache aber das Unwort aus. Schulze, der Professor für allgemeine Sprachwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität ist, sähe lieber Unwörter aus der Alltagssprache. So würden die während der NS-Zeit geprägten Verben "abfackeln" und "vergasen" viel zu häufig unreflektiert verwendet.

Auch der zweitplatzierte Begriff "Ehrenmord" ist Schulze zufolge kein sprachliches Paradox. Denn Ehre sei ein sehr subjektiver Begriff. Erst durch eine ganz bestimmte Perspektive werde der Ausdruck zum Unwort. "Ein Mord zur Bewahrung der eigenen Ehre ist natürlich moralisch verwerflich, aber historisch nichts Ungewöhnliches". Zudem seien Euphemismen "typisch für unsere Sprachkultur", betont der Professor.

(ap)
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