Zahl deutlich gestiegen "Sterbehilfe Deutschland" assistierte 2021 bei 129 Suiziden

Hamburg · Der Hamburger Verein „Sterbehilfe Deutschland“ hat im vergangenen Jahr in deutlich mehr Fällen Menschen zum Suizid verholfen als zuvor. Insgesamt waren es 129 Fälle. Der Altersdurchschnitt lag bei 75 Jahren.

 Das Betäubungsmittel Natrium-Pentobarbital und ein Glas Wasser stehen in einem Zimmer von Dignitas in Zürich (Archivfoto vom 20.01.2003).

Das Betäubungsmittel Natrium-Pentobarbital und ein Glas Wasser stehen in einem Zimmer von Dignitas in Zürich (Archivfoto vom 20.01.2003).

Foto: DPA

Wie die Organisation des früheren Justizsenators Roger Kusch am Montag mitteilte, gab es 2021 insgesamt 129 sogenannte Suizidbegleitungen, also vom Verein organisierte, assistierte Selbsttötungen in Deutschland. Dabei werden Sterbewilligen beispielsweise todbringende Medikamente überlassen. Zu den Toten des vergangenen Jahres gehörten nach Angaben des Vereins in acht Fällen auch gesunde Menschen oder Menschen, deren Krankheit keinen Einfluss auf den Sterbewunsch hatte.

In 114 Fällen seien körperliche Leiden ausschlaggebend gewesen, hieß es. Darunter listet der Verein auch zwei Fälle dementer Menschen auf. In sieben Fällen hätten psychische Gründe zum Sterbewunsch geführt. In ebenfalls sieben Fällen wollten Ehepaare den Angaben zufolge gemeinsam ihr Leben beenden. Juristische Folgen habe es in keinem Fall gegeben, wie der Geschäftsführer Jakub Jaros auf Nachfrage mitteilte.

Der Hamburger Verein ist in Deutschland höchst umstritten. Er leistet Assistenz beim Suizid für zahlende Vereinsmitglieder. 2015 musste der Verein seine Sterbehilfe-Aktivitäten in Deutschland zunächst einstellen, weil ein vom Bundestag verabschiedetes Gesetz die sogenannte geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid verboten hatte. Dieses Gesetz wurde durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Februar 2020 kassiert. Seitdem ist der Verein, der auch einen Sitz in der Schweiz hat, wieder in Deutschland aktiv.

Ein neues Gesetz zur Regelung der Suizidassistenz als spezieller Form der Sterbehilfe hatte der Bundestag während der zurückliegenden Legislaturperiode nicht mehr auf den Weg gebracht, obwohl verschiedene Vorschläge vorlagen. Sie hatten grundsätzlich alle zum Ziel, Sterbehilfe-Organisationen nicht zur Normalität werden zu lassen, unterschieden sich aber darin, inwieweit andere, etwa Ärzte, Hilfe beim Suizid leisten dürfen. Eine neue Regelung wird nun für diese Wahlperiode erwartet.

Laut Mitteilung von „Sterbehilfe Deutschland“ war das jüngste Mitglied, dessen Suizid im vergangenen Jahr durch den Verein organisiert wurde, 18 Jahre, das älteste 99 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt habe bei 75 Jahren gelegen.

Die Zahl der Fälle war 2021 in der Geschichte des Vereins vergleichsweise hoch. Nach eigenen Angaben begleitete „Sterbehilfe Deutschland“ von Ende Februar 2020 - nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts - bis Jahresende 70 Suizide. Seit der Gründung 2010 bis zum Verbot 2015 gab es nach Angaben des Vereins insgesamt 254 Fälle von Suizidassistenz.

(felt/epd)