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Hungertod eines Behinderten: Staatsanwaltschaft fordert Bewährung für Bruder

Hungertod eines Behinderten : Staatsanwaltschaft fordert Bewährung für Bruder

Bis auf die Knochen magert ein behinderter Mann in einer Wohnung in Salzgitter ab. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Bewährungsstrafe für seinen Bruder, weil er sich nicht genug gekümmert haben soll.

Im Prozess um den Hungertod eines 56 Jahre alten Behinderten hat die Staatsanwaltschaft den Bruder des Opfers der fahrlässigen Tötung beschuldigt. Staatsanwältin Bianca Schöpper forderte eine eineinhalbjährige Freiheitsstrafe auf Bewährung. "Es ist von einem grob fahrlässigen Handeln des Angeklagten auszugehen", sagte die Anwältin am Dienstag im Landgericht Braunschweig. Der 48-jährige Bruder war der amtlich bestellte Betreuer des Behinderten. Die Verteidigung forderte einen Freispruch. Am Donnerstag soll das Urteil gesprochen werden.

Wegen eines Hirnschadens wurde das Opfer über Jahre hinweg in der Wohnung der Mutter in Salzgitter gepflegt. Im Februar 2012 hatte die 73-Jährige den Hausarzt gerufen, der den geistig zurückgebliebenen Mann verhungert in seinem Bett fand. Die Leiche des 56-Jährigen brachte keine 30 Kilogramm mehr auf die Waage. Nach Angaben eines Sachverständigen war im Magen des Opfers bei der Obduktion "nur ein mikroskopisches Partikelchen eines Getreidekorns" zu finden.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Mutter wegen einer sich verschlimmernden Diabetes-Erkrankung mit der Betreuung überfordert war. Wegen Schuldunfähigkeit wurde gegen sie keine Anklage erhoben. Der Bruder musste sich wegen Aussetzung mit Todesfolge vor Gericht verantworten. Auf die Straftat steht eine Mindeststrafe von drei Jahren Gefängnis. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hätte der 48-Jährige den körperlichen Abbau seines Bruders bei seinem letzten Besuch vier Wochen vor dessen Tod registrieren müssen.

"Das Verhungern war ein schleichender Prozess, er war von jeher sehr hager", sagte die Anwältin des Angeklagten, Heike Tödtmann. Die kranke Mutter habe sich nie in die Betreuung reinreden lassen. Auch ein Hausarzt habe wenige Monate vor dem Tod nicht daran gezweifelt, dass sich die Mutter um den Sohn kümmern kann. Der Angeklagte beteuerte, dass er nach wie vor sehr erschüttert über den Tod seines Bruders sei. "Hätte ich das gewusst, hätte ich ihn da rausgeholt", sagte der 48-Jährige.

(dpa)