Erfurter "Gloriosa" zur Reparatur aus Turm gehoben: Spektakuläre Rettungsaktion für weltberühmte Glocke

Erfurter "Gloriosa" zur Reparatur aus Turm gehoben : Spektakuläre Rettungsaktion für weltberühmte Glocke

Erfurt (rpo). Seit über 500 Jahren hängt "Goriosa", die weltberühmte Glocke des Erfurter Doms, in ihrem Turm. Bis zum Donnerstag. Da wurde sie in einer spektakulären Aktion von einem Kran aus dem Turm geholt und zur Reparatur verladen.

Die "Königin der Glocken" geht auf Reisen. Nachdem sie über 500 Jahre ihren Dienst versah, musste die "Gloriosa" (die Ruhmreiche) am Donnerstag ihre Glockenstube im Turm des Erfurter Mariendoms verlassen. Am unteren Rand der größten frei schwingenden Glocke des Mittelalters überhaupt war ein acht Zentimeter langer Haarriss festgestellt worden, der sie beim Läuten zu zerreißen drohte. Die Reparatur war unumgänglich geworden, sollte nicht eine der klangschönsten Glocken der Welt für immer verstummen.

In luftiger Höhe von 37 Metern hatten Spezialisten zuvor mit Diamantkettensägen eine 2,70 Meter breite und drei Meter hohe Öffnung in die Westseite des Turmes geschnitten. Abgehängt vom Glockenstuhl und ohne den Klöppel fuhr die 11,5 Tonnen schwere "Gloriosa" auf einem Schienenwagen hinaus in den verregneten Himmel. Experten verbanden die vom Haken des ausgefahrenen Schwerlastkrans herabhängenden Zugbänder mit dem Kronbügel der Glocke. Diese wurde angehoben und schwebte in einem atemberaubenden Bogen am Hohen Chor vorbei und über den Domstufen, bevor sie sanft auf einem Tieflader am Domberg abgestellt wurde.

Gewitter begleitet Demontage

Viele hundert Menschen hatten auf dem Domplatz unter den bunten Regenschirmen ausgeharrt, als ein Gewitter mit Blitz und Donner niedergegangen war und die Aktion um über eine halbe Stunde verzögerte. Mancher unter ihnen bangte um die "Gloriosa" mit ihrem vertrauten tief und volltönenden Klang, der zu Feiertagen in Erfurt aus allen anderen Klängen auf Anhieb herauszuhören war.

Gesichert und gut verpackt in säurefester Folie trat die gigantische Glocke mit einem Durchmesser und einer Höhe von 2,50 Metern noch am Nachmittag ihre Reise zur Glockenschweißerei Thomas Lachenmeyer nach Nördlingen im bayerischen Donau-Ries-Kreis an.

Für den Glockengießer Gerhard Wou von Kampen, der die "Gloriosa" auf den Tag genau vor 507 Jahren an Ort und Stelle in Erfurt gegossen hatte, wäre der Transport von Thüringen nach Bayern gewiss ein äußerst risikovolles Unternehmen gewesen. Wou von Kampen galt als der überragende Meister seiner Zunft im Mittelalter; seine Kunst ist bis heute unerreicht.

Keineswegs risikofrei

Keineswegs risikofrei ist neben dem Transport auch das komplizierte Reparaturverfahren, das die von der Fachwelt anerkannte Glockenschweißerei plant: Zunächst soll die Stelle mit dem Riss ausgesägt werden, was noch am leichtesten auszuführen ist. Sodann wird die gesamte Glocke erhitzt und der Spalt mit Bronze aufgefüllt - eine wegen der unwägbaren Spannungen in dem seit einem halben Jahrtausend genutzten Klangkörper äußerst schwierige und langwierige Prozedur. Am 9. September soll die Glocke wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren und weiterhin "des Lebens wechselvolles Spiel begleiten", wie es in Friedrich Schillers berühmtem Lied von der Glocke heißt.

Die Nördlinger Firma hatte die "Gloriosa" schon einmal repariert. An Heiligabend 1984 war man durch einen Missklang beim Läuten auf einen 60 Zentimeter langen Riss aufmerksam geworden. Er war offenbar entstanden, weil die Glocke 1899 in gutem Glauben um 90 Grad gedreht worden war, damit der Klöppel nicht immer wieder auf die selbe Stelle schlug.

Lachenmeyer reparierte die "Gloriosa" 1985 direkt im Turm in einem hochkomplizierten Schweißverfahren. Danach wurde sie erneut gedreht und erhielt nicht nur ihre verloren geglaubte Stimme mit dem volltönenden "e" wieder. Auch die Nachhallzeit, die zuvor gut dreieinhalb Minuten dauerte, lag nach der Schweißung sogar bei fünf Minuten. Bei der aktuellen Reparatur hätte wegen der Hitze auch das über 500 Jahre alte Holz in der Glockenstube entfernt werden müssen, weshalb man sich diesmal zum Transport entschlossen hatte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Weltbrühmte Glocke "Gloriosa" ist zurück in Erfurt