Pro und Contra: Sollten Handys an Schulen verboten werden?

Pro und Contra : Sollten Handys an Schulen verboten werden?

98 Prozent der Mädchen und 95 Prozent der Jungen zwischen zwölf und 19 Jahren besitzen ein Smartphone. Die meisten bringen es mit zur Schule. Das macht Probleme, eröffnet Chancen - und spaltet die Lehrerschaft.

Am Schloß-Gymnasium in Düsseldorf-Benrath gibt es seit dem Schuljahr 2015/16 eine mit breitem Konsens beschlossene handyfreie Zone, die im Schulgebäude und auf dem Schulgelände gilt, was ich als Schulleiter sehr begrüße. Auf Initiative der Schülervertretung, unter Zustimmung der Eltern- und der Lehrervertreter votierte die Schulkonferenz als oberstes Beschlussorgan für die handyfreie Zone.

Joachim Rothmann (65) war von 2003 bis 2015 stellvertretender, von 2013 bis 2015 zudem kommisarischer Leiter des Gymnasiums Norf in Neuss. Foto: Joachim Rothmann

Anlass für die Schülerinitiative war die Beobachtung, dass immer mehr Mitschüler in den Pausen nebeneinander saßen und miteinander chatteten, anstatt miteinander zu reden, und dass die sportlichen Aktivitäten in der Pause immer weniger wurden. Die Schüler wollten damit der Verarmung der Kommunikation entgegenwirken. Die Lehrer unterstützten diesen Antrag, da sie es als lernpsychologisch sinnvoll ansehen, dass sich die Schüler in den Pausen bewegen und miteinander kommunizieren, anstatt nur auf ihr Handy-Display zu sehen und sich so einer Reizüberflutung auszusetzen.

Da bei vielen Schülern eine suchtähnliche Abhängigkeit vom Handy zu beobachten ist, verstehen die Lehrer ihren Auftrag zur Medienerziehung so, dass in der Schule ein möglichst handyfreier Schutzraum sicherzustellen ist. Analog zur geltenden Rechtsprechung wurde vereinbart, dass bei Zuwiderhandlung das Handy von den Lehrern einbehalten und im Sekretariat deponiert wird. Auf Wunsch der Eltern beschloss die Schulkonferenz zudem, dass das Handy nach der letzten Unterrichtsstunde des Tages nur an die Erziehungsberechtigten zurückgegeben wird, da sie bei den nicht volljährigen Schülern die Besitzer der Handys und die Vertragspartner der Telekommunikationsfirmen sind. Alle Eltern und Schüler wurden zu Schuljahresbeginn in Kenntnis gesetzt, und das Handyverbot wurde in die Haus- und Schulordnung aufgenommen.

Zwei Ausnahmen von dem generellen Handyverbot wurden abgesprochen. Erstens: Die Schüler der Oberstufe dürfen das Handy in der unterrichtsfreien Zeit im Aufenthaltsbereich der Oberstufe nutzen. Zweitens: Für den Fall, dass im Unterricht nicht ausreichend PCs vorhanden sind, kann das Handy - nach Absprache mit dem Lehrer - im Sinne der Medienerziehung zur Internetrecherche benutzt werden.

Aufgrund des breiten Konsenses ist die Durchsetzung des Handyverbots kein Problem. Jeder ist in Notfällen über das Sekretariat erreichbar. Seit der Einführung hat sich gezeigt, dass soziale Interaktionen und die Kommunikation unter den Schülern wieder deutlich zugenommen haben.

Nach meiner Einschätzung, die von der großen Mehrheit aller Beteiligten geteilt wird, hat sich das Handyverbot am Schloß-Gymnasium auf jeden Fall bewährt.

Heute, zehn Jahre nachdem das Smartphone in unser Leben trat, bringt es nahezu jedes zehnjährige Kind in die Schule mit. Damit stellt sich die klassische Frage: Segen oder Fluch?

Die erste Reaktion darauf war ein striktes Nutzungsverbot, das sich zumindest in den Pausen nicht durchsetzen lässt. Selbst im Unterricht werden Smartphones benutzt, ohne dass die Lehrkraft es merkt. Die Praxis zeigt: Ein genereller Kampf gegen das Handy kann nicht gewonnen werden. Er provoziert nur unnötige Auseinandersetzungen zwischen Lehrkräften und Schülern und gefährdet damit den Schulfrieden.

Bevor man jetzt von Kapitulation spricht, lohnt es sich genauer hinzuschauen, was die Gefahren sind, vor denen man sich per Verbot schützen will. Jugendgefährdende Inhalte? Die lauern auch jenseits der Schulgrenzen. Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen Kommunikation? Ist denkbar, aber die Realität zeigt nach wie vor Schüler, die in den Pausen lebhaft kommunizieren — mit und ohne Smartphone. Ablenkung im Unterricht? Das kann und muss die Lehrkraft in den Griff bekommen. Besser als Verbote sind umfassende Aufklärung und, falls Missbrauch vorkommt, konsequente Sanktionierung.

Vor allem anderen könnte das Smartphone den Schülern die wichtigste Grundhaltung beim Lernen vermitteln: Es gibt Hilfe, wenn ich selbst nicht weiterkomme. Was im Alltag längst angekommen ist (Wer singt das Lied? Wann fährt der Bus? Was koche ich heute?), sollte auch für Schüler eine Selbstverständlichkeit werden. Endlich gibt es eine universelle Maschine, mit der man das resignierte "Ich kann das nicht" in ein "Ich versuche es mal" wandeln kann. Dabei muss es nicht bei Recherchen bleiben. Geometrie funktioniert toll mit dem Smartphone, Simulationen spielen für die Naturwissenschaften eine immer interessantere Rolle, Chats kann man auch für den Austausch mit Partnerschulen nutzen, die Kamera ermöglicht es, selbst kreativ zu werden, und Lernspiele könnten auch Vertretungsstunden zum Lernerfolg machen.

Der Stundenplan auf dem Handy erleichtert auch die Schulorganisation erheblich. Der Austausch über Lernplattformen ermöglicht eine bessere Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern. Endlich gibt es auch mittels App eine wirksame Anwesenheitskontrolle in der Oberstufe, in die Eltern einbezogen werden können. Sie vermindert die Fehlstundenanzahl erheblich.

Fazit: Smartphones sollten neben anderen digitalen Medien auch in der Schule genutzt werden. Nur Mut, liebe Schule, öffne die Schatzkiste Smartphone! In zehn Jahren wird man über das Handyverbot nur noch ungläubig den Kopf schütteln.

(RP)
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