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Benzinklau steigt: Solingen - Stadt der Spritdiebstähle

Benzinklau steigt : Solingen - Stadt der Spritdiebstähle

Nirgendwo in NRW wird mehr Sprit entwendet als in der Bergischen Großstadt Solingen – gemessen an der Anzahl der Tankstellen. Die Polizei rät den Pächtern, Videokameras zu installieren. Doch viele können sich das schlicht nicht leisten.

Nirgendwo in NRW wird mehr Sprit entwendet als in der Bergischen Großstadt Solingen — gemessen an der Anzahl der Tankstellen. Die Polizei rät den Pächtern, Videokameras zu installieren. Doch viele können sich das schlicht nicht leisten.

Der blaue Ford-Escort, der an der Zapfsäule stand, ist weg. Der Tankrüssel liegt am Boden, Benzin tropft daraus. Der Fahrer ist weggefahren — ohne zu bezahlen. Helmut Wegener ist frustriert. Der 49 Jahre alte Solinger Tankstellenbesitzer ist schon wieder einem Tankbetrüger aufgesessen. Erneut bleibt er auf den Kosten sitzen. Diesmal auf 58,26 Euro — manchmal der Gewinn eines ganzen Tages. Für Wegener ist das viel Geld. Denn er verdient pro verkauftem Liter Benzin nur wenige Cent. "Da ist es schon sehr schmerzhaft, wenn man eine ganze Tankfüllung nicht erstattet bekommt", sagt er.

Seit Jahren steigt bundesweit die Zahl der Sprit-Diebstähle. Besonders betroffen sind die Tankstellen in NRW. "Die Täter schlagen meistens an Standorten zu, die verkehrsgünstig liegen, also an Autobahnen zum Beispiel", sagt eine Sprecherin der Polizei Wuppertal. "So können die Diebe — anders als in Innenstädten — schnell und unauffällig flüchten." In Solingen werden laut einer Statistik des Internetportals "auto.de" die meisten Sprit-Diebstähle begangen. Demnach wurden in der bergischen Großstadt, in der es 28 Tankstellen gibt, im vergangenen Jahr 547 Fälle bei der Polizei angezeigt. Der Grund dafür seien zwei Autobahnraststätten an der A 3. Beim Unternehmen "Autobahn Tank & Rast", dem diese Tankstellen gehören, ist das Problem seit Jahren bekannt. "Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen, um die Fälle zu verringern", sagt ein Sprecherin. Die genauen Schutzmaßnahmen will sie nicht nennen, ebenso wenig die Höhe des finanziellen Schadens, den die Diebe jedes Jahr dort anrichten.

Auch Düsseldorf und Moers weit vorne

Neben Solingen suchen Diebe in NRW sehr häufig auch Tankstellen in Gelsenkirchen, Köln, Bottrop, Hamm, Oberhausen, Düsseldorf und Moers auf. Es sind immer die gleichen Methoden, die die Täter anwenden. "Entweder sie fahren einfach weg, ohne zu bezahlen", sagt Tankwart Helmut Wegener. "Oder sie kommen zur Kasse und sagen, dass sie das Portemonnaie vergessen hätten und es eben zu Hause holen würden. Zurück kommen sie nie." Den Kassierern bleibt in diesen Fällen nichts anderes übrig, als sich das Nummernschild zu merken und die Personalien aufzunehmen. In der Regel sind die Angaben falsch und das Nummernschild vorher gestohlen. "Aber wir können diese Leute nicht festhalten", sagt Wegener.

Die meisten Pächter setzten Videokameras ein, um Diebe abzuschrecken. Davon hält Ludwig Marek jedoch nicht viel. Seit mehr als 30 Jahren steht der Duisburger an der Zapfsäule einer freien Tankstelle. Die Spritdiebe bedrohen seine Existenz. "Wenn das nicht aufhört, muss ich schließen", sagt der 73-Jährige. Die Polizei habe ihm eine Videoüberwachungskamera vorgeschlagen. "Die bringt aber nichts. Die Bilder sind in der Regel sehr unscharf, und die Täter sind kaum zu erkennen", sagt er. Auch den Vorschlag, eine Sicherheitsfirma zu beauftragen, sieht er skeptisch. "Das kann ich mir nicht leisten."

"Manche gehen daran kaputt"

So wie dem Duisburger geht es laut ADAC vielen Betreibern freier Tankstellen. "Sie können die teure Sicherheitstechnik nicht bezahlen und müssen in Kauf nehmen, dass sie bestohlen werden", sagt ein ADAC-Sprecher. "Manche gehen daran kaputt." Die großen Tankstellen würden sich oft gegen teure Sicherheitsanlagen entscheiden, weil die Kosten für eine Umrüstung die finanziellen Verluste durch die Tankdiebe übersteigen würden. "Ansonsten hätten sie es längst gemacht", sagt der Verkehrsexperte.

Auch Helmut Wegener hat keine Kameras angebracht. Denn der Solinger, der die Tankstelle mit den vier Zapfsäulen von seinem Vater übernommen hat, weiß aus Erfahrung, wann er besonders aufmerksam sein muss. "Immer am Monatsende", sagt er. "Dann haben die Leute kein Geld mehr in der Tasche." Und dann steigt die Gefahr, Opfer von Tankdieben zu werden.

(RP)