Sohn des früheren Bundespräsidenten getötet: Angriff auf von Weizsäcker „wahnbedingt“

Sohn des früheren Bundespräsidenten getötet : Angriff auf von Weizsäcker „wahnbedingt“

Der Chefarzt Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist in einer Berliner Privatklinik während eines öffentlichen Vortrags erstochen worden. Der mutmaßliche Täter war Ermittlern zufolge psychisch krank.

Am Morgen nach der Bluttat können es die Schwestern der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg immer noch nicht fassen. „Es ist so schrecklich“, sagt eine von ihnen, die jahrelang mit dem Chefarzt der Inneren, Prof. Fritz von Weizsäcker, zusammengearbeitet hat. Besonnen sei er gewesen, ruhig, empathisch, ein sehr guter Mediziner, für den die Patienten immer an erster Stelle gestanden hätten. Und jetzt ist der 59-jährige Sohn des früheren Bundespräsidenten tot. Erstochen von einem Besucher der Klinik. Ein 57-Jähriger aus Andernach in Rheinland-Pfalz wurde noch am Tatort festgenommen.

Ein privat anwesender Polizist hatte den Professor schützen wollen, als der Angreifer am Vorabend gegen 19 Uhr am Ende eines öffentlichen Vortrages den Mediziner attackierte. Der 33-jährige Beamte wurde dabei schwer verletzt, musste anschließend operiert werden, ist nicht in Lebensgefahr. Für das Opfer kam jedoch jede Hilfe zu spät. Die Rettungskräfte konnten ihn nicht mehr wiederbeleben. Andere Zuhörer hatten nach Augenzeugenberichten den Täter niedergerungen und festgehalten, bis die Polizei eingetroffen war und ihn abführen konnte.

Erste Vermutungen zum Motiv gingen in Richtung einer verwirrten Persönlichkeit; die psychiatrische Klinik befindet sich in unmittelbarer Nähe des Tagungssaales, in dem von Weizsäcker über sein Spezialthema, die Fettleber, referiert hatte. Tatsächlich teilte die Staatsanwaltschaft am Abend mit, das Tatmotiv liege wohl in einer „wahnbedingten“ Abneigung des Beschuldigten gegenüber der Familie von Weizsäcker. Dabei soll es nach Medienberichten um die Tätigkeit des späteren Bundespräsidenten als Geschäftsführer des Chemiekonzerns Boehringer in den 60er Jahren und die Lieferung von Giftstoffen für den Vietnamkrieg gegangen sein.

Eine Verbindung zur Psychiatrie in der Schlosspark-Klinik war jedoch zunächst nicht erkennbar. Der Mann habe, so die Ermittler, im Internet von dem Vortrag des Professors erfahren, sich in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft und sei mit dem Zug am Dienstag nach Berlin gefahren. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn des Mordes und versuchten Mordes und will die Unterbringung in einer pychiatrischen Anstalt beantragen.

Bereits kurz nach Bekanntwerden der Bluttat hatte FDP-Chef Christian Lindner über Twitter um seinen Freund von Weizsäcker getrauert, der noch unlängst bei ihm zum Grillen gewesen sei. „Ein passionierter Arzt und feiner Mensch“, schrieb Lindner. „Einmal mehr fragt man sich, in welcher Welt wir leben“, fügte er hinzu. „Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte der Umweltexperte Ernst Ulrich von Weizsäcker über seinen getöteten Cousin. Er habe ihn „ungewöhnlich lieb gehabt“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte der Mutter des Getöteten, der ehemaligen First Lady Marianne von Weizsäcker, handschriftlich sein Mitgefühl aus. Für die Bundesregierung bekundete Regierungssprecher Steffen Seibert Beileid und sprach von einem „entsetzlichen Schlag für die Familie von Weizsäcker“.

Fritz von Weizsäcker wurde 1960 als jüngstes von vier Kindern von Richard und Marianne von Weizsäcker in Essen geboren. Düsseldorf, Ingelheim und Bonn waren die weiteren Stationen der Familie, bevor von Weizsäcker von 1981 an Regierender Bürgermeister in Berlin und von 1984 bis 1994 Bundespräsident wurde. Sein Sohn Fritz studierte derweil Medizin und kam nach Tätigkeiten in Freiburg, Boston und Zürich 2005 als Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I an die Schlosspark-Klinik.

„Der tödliche Anschlag auf Herrn von Weizsäcker ist eine Extremsituation, die sich in einer offenen Gesellschaft niemals gänzlich ausschließen lässt“, sagte Gerald Gaß, der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Davon zu unterscheiden seien Fälle von Gewalt in den Kliniken im Bereich Pflege und Medizin, die „leider in den letzten Jahren zugenommen“ hätten.

Körperliche und verbale Angriffe stellten ein Problem dar, für das es keine einfachen Lösungen gebe. Gewalttätige oder randalierende Patienten und Besucher könnten ein Hausverbot erhalten, das gegebenenfalls mit Unterstützung der Polizei durchgesetzt werde. „Es ist heutzutage keine Seltenheit mehr, dass beispielsweise Notaufnahmen Sicherheitsdienste beschäftigen“, sagte Gaß. Für psychiatrische Abteilungen gebe es zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen.

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