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Amoklauf in Lörrach: Sie trug 300 Schuss Munition bei sich

Amoklauf in Lörrach : Sie trug 300 Schuss Munition bei sich

Lörrach (RPO). Wie bei einem Puzzle rekonstruieren die Ermittler nach und nach den Tathergang des Amoklaufs von Lörrach. Das Bild, das sich ergibt, zeigt: die Polizei hat offenbar Schlimmeres verhindert. Die Täterin trug 300 Schuss Munition bei sich und war allem Anschein nach zu allem entschlossen.

370 Polizisten, Feuerwehrleute und weitere Helfer im Einsatz waren im Einsatz. Vier Menschen starben, darunter die 41-jährige Amokläuferin. Die Polizei stoppte die geübte Schützin Sabine R. so schnell wie möglich mit tödlichen Schüssen.

Den äußeren Ablauf des Geschehens konnte die Polizei am Montag weitgehend rekonstruieren. Polizei und Staatsanwaltschaft gaben auf einer Pressekonferenz weitere Details zum Tathergang bekannt. Demnach hat die 41-jährige Amokläuferin ihren getrennt lebenden Ehemann mit einer Kleinkaliberwaffe erschossen. Der Körper des gemeinsamen fünfjährigen Sohnes wies allerdings keinerlei Schussverletzungen auf.

Die Polizei geht von einer Beziehungstat der Rechtsanwältin aus. Sabine R. lebte seit Juni getrennt von ihrem Ehemann, der sich um den gemeinsamen fünfjährigen Sohn kümmerte. Als der 44-jährige Vater, ein gelernter Schreiner, das Kind am Sonntagabend gegen 18 Uhr nach einem Besuch aus der Kanzlei der Frau in einem Mehrfamilienhaus in der Markus-Pflüger-Straße abholen wollte, kam es dann zu dem blutigen und offenbar geplanten Exzess.

Wand aus der Wohnung gesprengt

Den Ermittlungen zufolge erschlug die Frau anscheinend ihr Kind und erschoss den Mann mit einer kleinkalibrigen Sportpistole. Sie verschüttete Nitroverdünnung aus einem bereitgestellten Kanister und zündete es an. Die Verpuffung der Gase führte zu einer heftigen Explosion, sprengte eine Wand aus der Wohnung und setzte das Haus in Brand.

Während Feuerwehrleute den Brand löschten und 19 Menschen aus dem Haus und einem Gebäude nebenan in Sicherheit brachten, flüchtete die mit einer Pistole und einem Dolch bewaffnete Juristin auf die Straße. Dort schoss sie - ebenso wie Tim K. auf seiner Flucht - auf Passanten und verletze zwei schwer.

Sabine R. eilte in das erste Obergeschoss des nahe gelegenen Elisabethen-Krankenhauses. Dort traf sie auf dem Flur der gynäkologischen Station laut Staatsanwaltschaft zufällig auf einen Pfleger, der das Abendessen austeilte. Sie schoss dem 56-jährigen verheirateten Mann mehrfach in den Kopf und stach mit dem Dolch auf ihn ein, bis er tot war. Danach feuerte sie auf die von innen verbarrikadierte Tür eines Patientenzimmers - ebenso wie Tim K. damals auf die verschlossenen Türen der Klassenzimmer in der Albertville-Schule geschossen hatte.

Auslöser des Amoklaufs weiter unklar

Die inzwischen eingetroffene Polizei machte dem Amoklauf dann allerdings ein Ende. Sabine R. verletzte bei einem Schusswechsel einen Beamten am Knie, doch dann wurde sie selbst von mehreren Schüssen tödlich getroffen. Den schnellen Einsatz der Beamten verdanken die Lörracher Bürger einem neuen Konzept, das nach dem Amoklauf von Winnenden in Baden-Württemberg eingeführt worden war.

Demnach wurden Streifenpolizisten geschult, bei solchen Taten selbst schnell einzugreifen und das Morden zu stoppen statt lange auf Sondereinsatzkommandos zu warten. Dieser mutige Einsatz der Polizisten rette vermutlich weitere Menschenleben in dem Krankenhaus: Die Amokläuferin hatte rund 300 Schuss Munition für die Pistole bei sich, die sie legal besaß. Die Waffe war auf der Besitzkarte der Rechtsanwältin eingetragen, die früher Mitglied in einem Sportschützenverein war.

Nicht auszuschließen ist überdies, dass Sabine R. von dem Prozess um den Amoklauf von Winnenden zu der Tat motiviert wurde, über den seit Donnerstag berichtet wird. Auf solche einen möglichen Zusammenhang verwies die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS): Die sensationelle Berichterstattung über Amokereignisse könnte "die gleiche Denkweise und gleiches Verhalten in Personen auslösen, die sich in einem ähnlichen Stimmungszustand befinden".

(AFP/ap/nbe)