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Politiker weisen Kritik zurück: Schweinegrippe: Aufregung um "Zweiklassenmedizin"

Politiker weisen Kritik zurück : Schweinegrippe: Aufregung um "Zweiklassenmedizin"

Berlin (RPO). Mitglieder der Bundesregierung und hohe Beamte sollen angeblich einen anderen Impfstoff gegen die Schweinegrippe bekommen als die Bevölkerung. Die Empörung ist groß. Ärzte-Vertreter sprechen von einem Skandal. Das Innenministerium weist die Kritik der "Zweiklassenmedizin" allerdings zurück.

In einer Woche soll die Massenimpfung gegen die Schweingrippe beginnen. Ab heute geht der Impfstoff an die Bundesländer. Kanzlerin Angela Merkel, die Mitglieder ihres Kabinetts und Beamte der Ministerien sowie nachgeordneter Behörden sollen allerdings mit einem anderen Impfstoff vor dem Virus geschützt werden als der Rest der Bevölkerung.

Das Mittel für die Bundesbeamten, der Impfstoff Celvapan des Herstellers Baxter, enthält keine Wirkverstärker. Es gilt deshalb allgemein als verträglicher. "Wir haben 200.000 Dosen des nicht-adjuvantierten Impfstoffes Celvapan der Firma Baxter gekauft", sagte der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Christoph Hübner, dem Magazin "Spiegel". Celvapan enthält eine höhere Konzentration der deaktivierten Grippe-Viren, so dass sich Zusatzstoffe erübrigen.

"Skandal"

Die Beschaffung unterschiedlicher Präparate für Politiker auf der einen Seite und die allgemeine Bevölkerung auf der anderen stößt auf massives Unverständnis. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, sagte der "Bild"-Zeitung: "Zweierlei Impfstoffe für Regierung und Bevölkerung ist das falsche Signal. Da verstärkt sich bei vielen Menschen der Eindruck, sie seien Patienten zweiter Klasse. Das zeugt von wenig Fingerspitzengefühl."

Das Bundesinnenministerium weist die Kritik allerdings zurück: Es gebe keine "Zwei-Klassen-Impfung", sagte eine Sprecherin von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) der "Berliner Zeitung". Das Beschaffungsamt des Innenministeriums habe mit dem Hersteller Baxter schon vor vielen Monaten einen Vertrag abgeschlossen, den man einhalten müsse, sagt die Sprecherin. Zum damaligen Zeitpunkt sei von Unterschieden der beiden Stoffe noch keine Rede gewesen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte, so entstehe der falsche Eindruck einer Zweiklassenmedizin. Die Informationspolitik von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sei "sehr dumm und in der Außenwirkung verheerend" gewesen. Der Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, sprach im "Spiegel" von einem Skandal, der den Menschen kaum zu vermitteln sei.

Weil Pandemrix nicht an Schwangeren getestet wurde, muss laut "Spiegel" auch für sie kurzfristig Impfstoff ohne Wirkverstärker besorgt werden. Der zuständige Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, sagte dem Magazin, derzeit liefen "Gespräche mit Herstellern sowie den Gesundheitsministerien in Frankreich und den USA mit dem Ziel, für Schwangere auch nicht-adjuvantierten Impfstoff zu beschaffen."

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Keine Sonderbehandlung auf Landesebene

Lauterbach sagte der "Bild am Sonntag" zu der Sonderbehandlung für Bundespolitiker: "Dieser Vorgang ist äußerst unglücklich. So entsteht der Eindruck einer Zweiklassenmedizin bei der Impfung." Im "Münchner Merkur" vom Montag nannte er das Vorgehen des Bundesinnenministeriums "dumm und verheerend". "Wie will man das Vertrauen der Bürger gewinnen, wenn der Bund für die Regierung einen anderen Impfstoff bestellt als für die Bevölkerung?", fragte der SPD-Politiker. Kritik kam auch von Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin: "Das alles dürfte die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, weiter vermindern."

Die Sonderbehandlung soll es nur für Bundespolitiker und Bundesbeamte geben. Die niedersächsische Gesundheitsministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) sagte der "Bild am Sonntag": "Niedersachsen hat, wie übrigens alle Bundesländer, für die Politiker, die Beamten und die Bevölkerung denselben Impfstoff geordert. Da wurden keine Unterschiede gemacht."

"Auf Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen"

Offene Rebellion herrscht laut "Spiegel" unter Allgemeinmedizinern und Kinderärzten. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Michael Kochen, rät den Hausärzten von der Impfung ab. "Das Schadensrisiko überwiegt den Nutzen", sagte der Göttinger Professor.

Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, warf der Bundesregierung "wissenschaftliche Falschaussagen" vor. Wie bei Schwangeren so gelte auch für Kinder unter drei Jahren: "Der Impfstoff ist an ihnen noch überhaupt nicht getestet, deshalb ist das Risiko einfach zu groß, ihn jetzt bedenkenlos einzusetzen."

Institut: Alle Wirkstoffe verträglich

Im Gegensatz zu dem Präparat von GlaxoSmithKline (GSK), das ab dieser Woche in 50 Millionen Dosen für die Bevölkerung ausgegeben wird. Der dafür vorgesehene Impfstoff Pandemrix enthält verstärkende Zusätze. Aufgrund dieser Wirkstoffe werden pro Impfung weniger deaktivierte Grippe-Viren gebraucht, es können also größere Mengen Impfstoff hergestellt werden. "

Alle drei bisher zugelassenen Impfstoffe sind wirksam und verträglich, es gibt keinerlei gefährliche Nebenwirkungen", betonte am Sonntag eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI). Anders als vom "Spiegel" berichtet würden auch die Mitarbeiter des Instituts mit Pandemrix geimpft. "Wir sind der Meinung, das ist ein guter Impfstoff", sagte die Sprechern. "Wir haben ihn für die Bevölkerung empfohlen und wollen ihn auch für uns." Das PEI ist dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt.

Hier geht es zur Infostrecke: Was man zur Schweinegrippe wissen muss

(AP/AFP)