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Amoklauf von Ansbach: Schüler beschreiben Georg S. als Einzelgänger

Amoklauf von Ansbach : Schüler beschreiben Georg S. als Einzelgänger

Ansbach (RP). Es ist kurz nach 8.30 Uhr, als am Donnerstagmorgen im humanistischen Gymnasium Carolinum Ansbach die Pausenglocke unentwegt klingelt. Die zehnjährige Annika denkt wie viele ihrer Mitschüler an eine Notfallübung.

Geordnet verlassen die Kinder unter Anleitung ihres Lehrers den Klassenraum und das Schulgebäude. Doch erst da wird Lehrern und Schülern klar: Das ist keine Notfallübung. Überall weinende Kinder, jemand spricht von einem Feuer. "Wir dachten: Es brennt in einem oberen Stock”, berichtet Annika. Sie ahnt nicht, welch blutiges Drama sich hinter den Fenstern der Klassenräume im dritten Stock abspielt.

Der 18-jährige Georg S., dessen Geschwister ebenfalls das Carolinum besuchen, hat, bewaffnet mit einer Axt, zwei Messern und mehreren Molotow-Cocktails, einen Brandsatz in das Zimmer einer elften Klasse geschleudert. Dann wartet er am Eingang auf die in Panik flüchtenden Jugendlichen.

Ein Mädchen streckt er mit einem Axthieb nieder. Das Opfer stürzt mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen zu Boden. Eine andere Schülerin erleidet schwere Brandverletzungen, sieben Kinder und ein Lehrer werden leicht verletzt.

Während ein Lehrer das am Kopf verwundete Mädchen in Sicherheit bringt, schleudert der Schüler noch einen zweiten Molotow-Cocktail in das gegenüberliegende Zimmer einer neunten Klasse. Doch der zündet glücklicherweise nicht.

Wahrscheinlich verhindert ein Schüler der Jahrgangsstufe 13 Schlimmeres. Der junge Mann, Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr, ruft geistesgegenwärtig die Polizei an. Dann macht er sich daran, die Flammen zu löschen.

Sein Notruf geht um 8.35 Uhr bei der Polizei in Ansbach ein. Acht Minuten später trifft der erste Streifenwagen der Polizei am Tatort ein. Zu diesem Zeitpunkt sind Schüler und Lehrer bereits in Sicherheit. Der Notfallplan hat funktioniert.

Die Beamten handeln, wie sie es gelernt haben. Sie warten nicht auf ein Spezialeinsatzkommando, sondern sie versuchen, den Täter sofort unschädlich zu machen. Im Bereich der Schultoiletten treffen sie auf den Amokläufer.

Was sich dann abspielt, beschreibt Polizeieinsatzleiter Udo Dreher auf der Pressekonferenz so: "Als er sich auf die Beamten zubewegte, schossen sie auf ihn und nahmen ihn anschließend fest.”

Fünf Kugeln aus einer Maschinenpistole haben den Oberkörper des 18-Jährigen durchbohrt. Doch er ist nicht lebensgefährlich verletzt. Bei seiner Festnahme hat der Täter noch die Axt, zwei Messer und einen Brandsatz bei sich. Gegen den Amokläufer soll Haftbefehl wegen versuchten Mordes erlassen werden.

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Twitter verbreitet die Nachricht rasend schnell

Noch während Sanitäter sich um die Verletzten kümmern, steht die Nachricht von dem Amoklauf bereits im Internet. Ein junger Mann, dessen Schwester das Carolinum besucht, informiert die Nutzer des Mitteilungs-Dienstes "Twitter” über die Vorgänge in der Schule.

Er selbst, sagt er, sei durch einen Freund über die Vorgänge auf dem Laufenden gehalten worden. Schulleiter Franz Stark hat ebenso wie die Polizei nicht den Hauch einer Ahnung, was die Motive des 18-jährigen Abiturienten gewesen sein könnten, der nach einer Operation trotz seiner schweren Verletzungen außer Lebensgefahr ist.

Täter war ein "guter Schüler"

"Ich hatte ihn früher selbst als Schüler, da war er gut”, sagt Stark. In keiner Klassenkonferenz mussten sich die Lehrer mit dem 18-Jährigen befassen.

So unauffällig wie seine Schullaufbahn war auch sein sonstiges Verhalten, bei der Polizei ist keine Straftat registriert. Nicht einmal im Internet, wo Jugendliche dieses Alters üblicherweise in den Netzwerken SchülerVZ oder Facebook vertreten sind, findet sich ein Hinweis auf den 18-Jährigen.

Ein Mitschüler beschreibt ihn als Einzelgänger, der aber niemals jemandem etwas getan habe. Offen ist auch, ob er die beiden schwer verletzten Mädchen gezielt attackiert hat.

Kultusminister Robert Ludwig Spaenle (CSU) lobt am Nachmittag die Besonnenheit aller Beteiligten. Schüler und Eltern wurden im benachbarten Arbeitsamt, das zu einem Auffangzentrum umfunktioniert wurde, von Sanitätern, Psychologen und Notfallseelsorgern betreut. Das Ansbacher Carolinum soll am Freitag geschlossen bleiben.

(RP)