Skandal um defekte Billig-Brustimplantate: Schadenersatz vom TÜV Rheinland verlangt

Skandal um defekte Billig-Brustimplantate : Schadenersatz vom TÜV Rheinland verlangt

Im Skandal um defekte Billig-Brustimplantate haben betroffene Patientinnen sowie Händler vom TÜV Rheinland wegen mangelhafter Kontrollen mehr als 50 Millionen Euro verlangt.

In einem Zivilprozess vor dem Handelsgericht im südfranzösischen Toulon sagte Opferanwalt Laurent Gaudon am Freitag: "Der TÜV hat weltweit Produkte vertrauenswürdig gemacht, die es nicht wert waren."

Der TÜV, der die fehlerhaften Billigimplantate der Firma PIP zertifiziert hatte, sieht sich selbst als Opfer eines gezielten Betruges. Der Strafprozess in dem Skandal, der weltweit für Schlagzeilen sorgte, soll am 17. April in Marseille beginnen. In Toulon geht darum, einen Schuldigen zu finden, der die Opfer finanziell entschädigt, denn die Firma PIP unter ihrem Firmengründer Jean-Claude Mas ist seit Jahren pleite. Das Urteil wird erst am 7. Oktober erwartet.

Sechs Händler wollen Geld

PIP hatte weltweit hunderttausende Brustimplantate verkauft, die mit Industriesilikon gefüllt waren. Die Billigkissen reißen häufiger und rufen Entzündungen hervor. Nach Ansicht der Kläger war der Skandal nur möglich, weil es wiederholt Fehler bei den Inspektionen durch den TÜV gab.

Sechs Händler aus Bulgarien, Brasilien, Italien, Syrien, Mexiko und Rumänien verlangen deshalb insgesamt 28 Millionen Euro Schadenersatz. Mehr als 1600 Frauen, vor allem Südamerikanerinnen, aber auch Französinnen und Britinnen, verlangen in Toulon 16.000 Euro Schmerzensgeld pro Person, insgesamt fast 25 Millionen Euro.

Händler-Anwalt Olivier Aumaitre wandte sich gegen ein Verteidigungsargument, demzufolge die Interventionsmöglichkeiten des TÜV beschränkt gewesen seien. Die EU-Richtlinie sowie der Vertrag des TÜV mit der Firma PIP hätten dem deutschen Kontrollinstitut "weitreichende" Möglichkeiten eingeräumt, die der TÜV aber nie genutzt habe. "Es hätte gereicht, eine einzige der hunderttausenden von PIP weltweit verkauften Prothesen zu untersuchen."

Drei Viertel der Implantate betroffen

PIP-Gründer Mas hatte zugegeben, seit 1995 drei Viertel seiner Prothesen illegal mit einem Billig-Gel gefüllt zu haben, das er mit einem eigentlich für Industrieprodukte bestimmten Silikon zusammenmixte. Nur ein Viertel der Kissen habe das siebenmal teurere US-Produkt Nusil enthalten, das Mas auch gegenüber dem TÜV Rheinland angab. Er hatte im Polizeiverhör auch eingeräumt, den TÜV, der seine Kontrollen zehn Tage vorher ankündigte, gezielt getäuscht zu haben. Seine Angestellten hätten sogar ganze Container verschwinden lassen, sagte Mas, der seine Firma 2010 auflösen musste.

Der TÜV erklärte, seine Aufgabe habe sich darauf beschränkt, den Herstellungsprozess zu kontrollieren und nicht die Implantate selbst. Der TÜV habe auch nicht nur Papiere kontrolliert, sondern Mitarbeiter befragt, sagte Anwältin Cécile Derycke. Doch habe PIP die Kontrollen bewusst umgangen: "Wir haben es hier mit einem Betrug großen Ausmaßes zu tun. 120 Personen haben von Anfang bis Ende gelogen", sagte sie.

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(AFP/das)