Evangelische Kirche diskutiert das Internet: Protestanten entdecken Neuland

Evangelische Kirche diskutiert das Internet : Protestanten entdecken Neuland

Evangelium und Internet – wie geht das zusammen? Noch nicht gut genug, hat die Evangelische Kirche in Deutschland bemerkt. Auf der Suche nach den neuen Wegen lässt sie sich erst mal heftig kritisieren.

Evangelium und Internet — wie geht das zusammen? Noch nicht gut genug, hat die Evangelische Kirche in Deutschland bemerkt. Auf der Suche nach den neuen Wegen lässt sie sich erst mal heftig kritisieren.

Livestream? Fehlanzeige. Wer sich für Evangelisches interessiert und am Sonntag vielleicht sehen wollte, wie die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) den scheidenden Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider verabschiedete, der schaute buchstäblich in die Röhre. Video-Schnipsel gab es erst nachträglich. Und beim Kurznachrichtendienst Twitter setzt die EKD zwar eine Kaskade von Mitteilungen und Links zur Synode ab — wer aber im Account etwas herunterscrollt, der sieht, dass der letzte Eintrag vor der Synode vom 27. November 2013 stammt: "Adventskalenderwerkstatt ist geöffnet!"

Es besteht also Nachholbedarf in Sachen Protestantismus und Internet. Das ist eigentlich ziemlich verwunderlich, denn wer sich im Tagungssaal umschaut, der stellt fest, dass die Versorgung der Synodalen mit Tablets, Laptops und Smartphones fast flächendeckend ist. Offensichtlich gelingt es der evangelischen Kirche aber (noch?) nicht, diese persönliche Digitalisierung mit der kirchlichen Ebene kurzzuschließen.

Neue Impulse erhofft man sich nun vom Thema "Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft" als inhaltlichem Schwerpunkt der diesjährigen Synodentagung — bezeichnenderweise auf Anregung der Jugenddelegierten, die der EKD dann in ihrer morgendlichen Andacht auch gleich deutliche Kritik angedeihen ließen. Und den Apostel Paulus als Vorbild empfahlen: Schließlich habe der als leidenschaftlicher Briefeschreiber vor 2000 Jahren auch keine Scheu vor den damals Neuen Medien gehabt.

Es fehlt in Dresden nicht an den bekannten Satzbausteinen, mit denen sich Institutionen als netzaffin darzustellen versuchen: Das Internet schaffe "neue Kommunikationsräume", die es zu nutzen gelte, sagte etwa der hannoversche Landessuperintendent Detlef Klahr, der den Kirchenparlamentariern die Vorlage für die Abschlusskundgebung der Synode vorstellte. Die digitale Gesellschaft sei nicht eine Untergruppe des großen Ganzen, sondern eine "Signatur der Gesellschaft insgesamt".

Klahr mutete den Synodalen freilich auch die Erkenntnis zu, dass entschlossene Digitalisierung die evangelische(n) Kirche(n) vor viel tiefergehende Fragen stellt: Wie müssen wir in Zukunft organisiert sein, um das Evangelium wirksam unter die Leute zu bringen? Reicht dafür unsere derzeitige Aufstellung? "Nur wenn die evangelische Kirche mit ihrer Botschaft und als Gemeinschaft auch digital präsent ist, wird sie weiterhin Teil der Gesellschaft und des Alltags der Menschen sein können", heißt es im Kundgebungsentwurf, aber auch: "Das Internet erleichtert die Kommunikation des Evangeliums."

Klare Kritik hatten sich die Synodalen zuvor auch schon vom Münsteraner Theologen Christian Grethlein anhören müssen. Die kirchliche Konzentration auf Ortsgemeinde und Regionalkirche sei in der digitalisierten Gesellschaft "problematisch", vielmehr "agrarisch und teilweise noch industriell strukturierten Gesellschaften" angemessen. Der Protestantismus mit seiner Lehre vom Priestertum aller Getauften sei für die anstehenden Herausforderungen "theologisch, aber nicht organisationsmäßig gut gerüstet". In der elektronischen Kommunikation, sagte Grethlein, spielten konfessionelle Unterschiede keine Rolle mehr: "Dies gilt bereits für die ZDF-Fernsehgottesdienste und noch viel mehr für Gebet-Chats und so weiter." Eine solche Dynamik passe aber schlecht zu den "statischen Lehrauffassungen" der heutigen Kirchen.

Wie ein sarkastischer Seitenhieb auf kirchliche Defizite mutete es da fast an, dass die Berliner Design- und Internet-Forscherin Gesche Joost dem Kirchenparlament den an ihrem Lehrstuhl entwickelten "Lorm-Handschuh" vorstellte: Mit dem können Taubblinde zum Beispiel SMS schreiben und empfangen, also die ersten Schritte im Netz machen. Die Diskussion über die Kundgebung geschah dann übrigens in Foren. Nicht online, sondern ganz analog: in Tagungsräumen.

(fvo)
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