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Nach Amoklauf in Ansbach: Polizei: "Schulen sind keine sicheren Orte"

Nach Amoklauf in Ansbach : Polizei: "Schulen sind keine sicheren Orte"

Osnabrück (RPO). Nachdem ein 18-Jähriger an einem Gymnasium in Ansbach neun Mitschüler zum Teil schwer verletzt hat, hat die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) scharfe Kritik geäußert. Sie bemängelt große Versäumnisse bei der Schulsicherheit und macht der Politik Vorwürfe.

Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte DPolG-Chef Rainer Wendt: "Die schreckliche Tat von Ansbach belegt leider einmal mehr, dass Deutschlands Schulen keine sicheren Orte sind. Wir brauchen endlich ein flächendeckendes Frühwarnsystem für Schulen."

Trotz aller politischen Versprechen nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden fehle es aber nach wie vor massiv an Schulpsychologen und Sozialarbeitern, die Probleme der Schüler frühzeitig erkennen könnten. "In jede Schule in Deutschland gehören mindestens ein Sozialarbeiter und ein Psychologe", forderte Wendt.

Lehrerverband fordert Notfallpläne für Schulen

Auch der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, stellt Forderungen. Er will Notfallpläne für Schulen. In einem Interview der Nachrichtenagentur ddp zeigte er Verständnis für die Forderung nach schärferen Sicherheitsvorkehrungen. So könnte beispielsweise im Falle zukünftiger Amokläufe über Lautsprecher ein verschlüsseltes Warnsignal abgegeben werden. Auch Videokameras seien denkbar. Das Wichtigste sei jedoch die Prävention bereits im Vorfeld einer Gewalttat.

Wenzel mutmaßte, dass der Täter im Fall von Ansbach zu wenige Erfolgserlebnisse und positive Rückmeldungen in der Schule erlebte. Um dieser Vernachlässigung beizukommen, forderte Wenzel zum einen kleinere Klassen, um sich individueller um die Schüler kümmern zu können. Zum anderen müssten mehr pädagogische Fachkräfte wie Schulpsychologen und Sozialarbeiter eingestellt werden.

Wenzel warnte davor, den Vorfall zu instrumentalisieren. Er forderte eine grundlegende Diskussion in Politik und Gesellschaft über die Rolle der Schule. Diese müsse mehr als eine Bildungseinrichtung sein, nämlich eine "Wohlfühleinrichtung".

Der Vorfall habe ihn bestürzt und ratlos gemacht. Es mache "große Angst", dass die Abstände zwischen solchen Gewalttaten immer kürzer würden, sagte Wenzel. Der brutale Überfall, bei dem am Samstag der 50-jährige Geschäftsmann Dominik Brunner in München getötet wurde, und der Amoklauf in Winnenden hätten gezeigt, dass junge Menschen immer häufiger über die Schwelle zur Gewalttätigkeit hinüberschlitterten.

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Der BLLV-Präsident zollte den beteiligten Lehrern und Schülern in Ansbach großen Respekt. "Ich finde es vorbildlich, wie die Lehrer und Schüler reagiert haben." Wann die Schule wieder zum normalen Betrieb zurückkehren könnte, wollte er nicht prognostizieren. Allerdings könne er sich vorstellen, "dass es schneller geht als in Winnenden", sagte Wenzel.

Tat offenbar geplant

Ein Schüler beschrieb das Vorgehen des Amokläufers als planmäßig: Er habe einen Molotow-Cocktail in ein Klassenzimmer geworfen und dann vor der Tür mit einer Axt auf die flüchtenden Jugendlichen gewartet, sagte der Schüler dem Radiosender Antenne Bayern. Vor der Tür habe er ein Mädchen mit der Axt getroffen, die Lehrer hätten das verwundete Mädchen dann nach draußen getragen. Den Täter beschrieb der Schüler als "ganz normal", aber als Einzelgänger. Laut Bayerischem Rundfunk soll er seit längerem eine Psychotherapie gemacht haben.

Die erste Polizeistreife traf um 08.43 Uhr ein und stellte den bewaffneten Täter im Toilettenbereich, wie der Einsatzleiter sagte. Weil er sich nicht ergeben habe, sondern drohend auf die Polizisten zugegangen sei, hätten diese ihm in den Oberkörper geschossen. Um 08.46 Uhr sei er festgenommen gewesen. Nach einer Operation sei er außer Lebensgefahr, man habe ihn aber noch nicht vernehmen können.

Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl wegen versuchten Mordes. Der 18-Jährige sei der Polizei nicht bekannt und nicht vorbestraft, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Ob er die beiden schwer verletzten Mädchen ganz gezielt attackiert habe, sei völlig offen. Nach Polizeiangaben hat der Täter an der Schule Geschwister. Bei der Durchsuchung seines Zimmers wurden laut Polizei Unterlagen gefunden, die auf eine geplante Tat schließen lassen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Amoklauf in Ansbach: 18-Jähriger verletzt Mitschüler

(DDP/jt)