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Gewerkschaft will auch Realschüler zulassen: Polizei fehlen geeignete Bewerber

Gewerkschaft will auch Realschüler zulassen : Polizei fehlen geeignete Bewerber

Die Gewerkschaft der Polizei fordert, dass auch Realschüler für den Polizeidienst genommen werden. In NRW ist nur knapp jeder fünfte Polizist jünger als 34 Jahre. Noch bis 2017 gehen mehr Beamte in Rente als neue eingestellt werden.

Wer sich bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen für eine Ausbildung bewerben möchte, muss sich zunächst einmal durch ein 35-seitiges Informationsschreiben kämpfen, das man von der Internetseite der Polizei herunterladen kann.

Darin wird der Bewerber aufgeklärt, dass man als Polizist Recht und Gesetz anwenden muss und dass Einfühlungsvermögen in dem Beruf wichtig sei. Und weiter wird man darauf hingewiesen, dass man unbedingt alle Unterlagen für die Bewerbung zusammen haben sollte, ehe man sie abschickt.

Immer weniger gut ausgebildete junge Menschen in NRW sind offenbar noch dazu bereit, sich diese Belehrungen durchzulesen. Denn die Polizei in NRW wird offenbar immer älter. Zu diesem Ergebnis kommt eine polizeiinterne Analyse. Demnach sind nur rund 18 Prozent der Beamten in NRW jünger als 34 Jahre, während 40 Prozent über 50 Jahre alt sind. Die Polizeibehörde mit dem höchsten Altersdurchschnitt ist die im Landkreis Höxter (50,4 Jahre), gefolgt von Bonn mit einem Durchschnitt von 49 Jahren.

Die Zahlen seien alarmierend, sagt der Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus. Zur Verbesserung der Bewerberlage schlägt er vor, auch Realschülern den Zugang zum gehobenen Polizeidienst zu ermöglichen. "Es wird immer schwieriger, geeignete und qualifizierte Bewerber für die Polizei zu gewinnen", betont Rettinghaus. Auch der doppelte Abiturjahrgang habe nicht für eine Erhöhung der Bewerberzahlen gesorgt.

Der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs habe bereits dazu geführt, dass Bewerber eingestellt werden, die man früher sofort aussortiert hätte. "Wir sind mittlerweile an dem Punkt angekommen, an dem wir uns unsere Polizisten nicht mehr aussuchen können, sondern nehmen müssen, was da ist", sagt ein Kriminalkommissar.

Das Innenministerium bestätigt, dass jährlich mehr Polizeibeamte in Pension geschickt als neue eingestellt werden. "Heutigen Schätzungen zufolge wird sich das Verhältnis erst 2017 umkehren", sagt ein Ministeriumssprecher. Die Kapazitäten für die Ausbildung des Nachwuchs in den einzelnen Polizeipräsidien seien ausgeschöpft. Denn bei der Polizei bekommt jeder Auszubildende, wenn er in einem Präsidium ist, einen erfahren Polizisten als Tutor zur Seite gestellt — und die seien an der Belastungsgrenze angekommen. "Ein Tutor auf zehn Azubis geht einfach nicht."

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Bewerbungsvideo löst Spott und Häme aus

Viel Spott und Häme musste die NRW-Polizei zuletzt für ein Bewerbungsvideo im Internet einstecken. In dem Film gratulieren zwei als Polizisten verkleidete Schauspieler in Reimform (Rap) einem jungen Mann, den sie Torben nennen, zu seiner Ausbildung bei der Polizei ("Du hattest dich beworben, Torben, auf den tollen Job. Heute teilen wir dir mit: Du bist ab sofort ein Cop").

Die Polizeigewerkschaft kritisierte das Video als "Kasperle-Theater". Innenminister Ralf Jäger (SPD) verteidigte die Maßnahme hingegen und erklärte, dass die Polizei neue Wege gehen müsse, um für die Jugend attraktiv zu bleiben. Ob sich wegen des Videos mehr oder weniger junge Leute für eine Karriere bei der Polizei entschieden haben, kann bislang niemand sagen. Die Bewerbunsgfrist für den Staatsdienst für das kommende Ausbildungsjahr ist bereits abgelaufen. Das Innenministerium ist zufrieden mit den Zahlen. Rund 8400 junge Menschen hätten sich beworben, das seien ungefähr so viele wie in den beiden Jahren zuvor, sagt ein Ministeriumssprecher. Die Kandidaten müssen sich nun einem Auswahlverfahren stellen. Am Ende bleiben 1500 Kandidaten übrig, die im September 2014 ihre Ausbildung an der Polizeihochschule beginnen dürfen.

Erich Rettinghaus regt an, die Ausbildung der Qualität der Bewerber anzupassen. Demnach sollten Realschüler einen zweijährigen Studiengang "Polizeidienst und öffentliche Verwaltung" durchlaufen, um dann mit dem Studium bei der Polizei im gehobenen Dienst beginnen zu können. "Bis dahin erhalten sie eine Einstellungszusage nach festgelegten Voraussetzungen", schlägt Rettinghaus vor. Dieses Modell werde bereits in Rheinland-Pfalz seit Jahren erfolgreich praktiziert.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert zudem, dass auch Polizisten Polizeipräsident werden können — denn bislang werden diese Stellen fast ausschließlich durch externe Fachleute besetzt. Es sei fraglich, ob es sich das Land auf Dauer leisten könne, die ausgebildeten Beamten der Polizei von dieser Führungsposition auszuschließen, erklärt der stellvertretende GdP-Landesvorsitzende Karl-Heinz Kochs.

(RP)