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Medizinische Versorgung von Heimbewohnern: Pflegerat: Ärzte lassen Alte allein

Medizinische Versorgung von Heimbewohnern : Pflegerat: Ärzte lassen Alte allein

Düsseldorf/Berlin (RP). Die ärztliche Versorgung in den Heimen ist schlecht. NRW-Gesundheitsminister Laumann (CDU) ermahnt die Mediziner, ihre Pflicht zu erfüllen. Experten schlagen eine Anhebung der Budgets für Heimbesuche vor.

Der Deutsche Pflegerat beklagt, die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen seien medizinisch schlecht versorgt. "Immer häufiger beschweren sich Angehörige bei uns darüber, dass sie um einen Arztbesuch im Heim betteln müssen," sagt Marie-Luise Müller, Präsidentin des Rates, der die Bundesregierung in Pflegefragen berät.

Hausbesuche in Heimen werden den Medizinern nicht gesondert vergütet und gelten als unrentabel. Es sei "menschenunwürdig und ein Verstoß gegen den Hippokratischen Eid", wenn die Ärzte die Senioren aus wirtschaftlichen Erwägungen "im Stich" ließen, kritisiert Marie-Luise Müller. "Die Betroffenen können sich dagegen nicht mehr zur Wehr setzen."

Der Pflegerat will jetzt eine Datenbank aufbauen, die die medizinische Unterversorgung von Heimbewohnern dokumentieren soll. In den Heimen von NRW leben rund 147.000 Pflegebedürftige. Fachleute erwarten, dass sich die Zahl der Demenzkranken verdoppeln wird.

Guido Lerzynski, Bereichsleiter für Gesundheit und Altenhilfe bei der Caritas NRW, forderte eine Optimierung der ärztlichen Versorgung in den Heimen. "Sie muss mindestens so gut sein wie die von den jungen Patienten." Otto Bernhard Ludorff, Vorsitzender des Verbands der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen in NRW, schlug vor, die Budgets der Ärzte für die Behandlung von Hochbetagten anzuheben. "Wir müssen eine Lösung finden", sagt Norbert Killewald, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag. "Sonst wird die Situation in den Heimen unerträglich. Vor allem die ländlichen Bereiche sind von der Mangelversorgung betroffen."

Eine "Studie zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen" der Uni Heidelberg war zu alarmierenden Ergebnissen gekommen. Nach einer bundesweiten Befragung hatte sich herausgestellt, dass Hörstörungen und Zahnkrankheiten vielfach nicht behandelt wurden. Rund 30 Prozent der Heime gaben an, im Untersuchungsjahr kein einziges Mal von einem Augenarzt aufgesucht worden zu sein. Gynäkologische und urologische Untersuchungen fanden so gut wie überhaupt nicht statt. Demenzkranke oder depressive Heimbewohner könnten "in der Regel" nicht mit einer "adäquaten medizinischen Versorgung rechnen", heißt es in der Studie.

Günter Schröder, Leiter eines Altenzentrums in Witten, berichtet über eine Häufung von Fällen, in denen Bewohnern die Behandlung unter Hinweis auf das erschöpfte Budget verweigert worden sei. Einem Hochbetagten, der einen Schlaganfall erlitten hatte, sei anstelle eines blutverdünnenden Mittels lediglich eine Kochsalzlösung verschrieben worden. Der Patient sei daraufhin gestorben.

Karl-Josef Laumann, NRW-Gesundheitsminister (CDU), ermahnte die Ärzte zur Pflichterfüllung. "Vertragsärzte dürfen eine Behandlung nicht mit dem Verweis auf ein ,übervolles Budget' ablehnen. Ein Heimbewohner hat grundsätzlich - wie jeder andere Patient auch - einen Anspruch auf ärztliche Behandlung."

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Barbara Steffens, sozialpolitische Sprecherin der Grünen, forderte Laumann auf, einen Modellversuch mit erhöhten Budgets für Heimbesuche zu starten. Die Zahl der Hausbesuche von niedergelassenen Ärzten in NRW ist rückläufig. "Davon sind auch die Alten- und Pflegeheime betroffen", bestätigt Leonhard Hansen, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Pro Hausbesuch im Heim könnten die Ärzte eine Pauschale von weniger als 20 Euro abrechnen. "Die Motivation, unter solchen Konditionen zu arbeiten, hat nachgelassen", sagte Hansen. "Für das Geld kommt kein Handwerker ins Haus."