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Serie: Paulus, Apostel der Völker

Serie : Paulus, Apostel der Völker

Düsseldorf (RP). Mit seiner Mission unter den Heiden hat Paulus die Weichen gestellt, dass das Christentum zur Weltreligion wurde. Paulus ist aber auch in einem ganz weltlichen Sinne dies: ein glänzender Schriftsteller, ein Weltklasse-Essayist. Seine Briefe zu lesen ist wie seinem Leben zu folgen: rasant.

Manchmal müsste man es tun: Paulus lesen, als wäre es nicht Paulus. Lesen, als wüsste man nicht: Bibel, Apostel, Mission. Stattdessen: Paulus lesen mit jenem Egoismus des Lesers, der liest, als ginge es um sein Leben, und deshalb nur brennt für Texte, die selbst brennen vor Lust und Leidenschaft am Wort.

Paulus wird heute aber meist atomisiert gelesen — zwei Verse, ein Vers, ein Halbvers. Oh ja, heilige Schriften liest man vielleicht so: Wort für Wort achtsam gesprochen, weil jeder Vers mit dem Gewicht von 2000 Jahren Verehrung versehen ist. Im Falle von Paulus ist das aber auch hinderlich, denn Paulus ist ein glänzender Schreiber.

Mal innig, mal mitreißend

Das Drängende, das Ringende, das Leidenschaftliche seiner Sprache erfasst man vielleicht erst dann, wenn man ihn einmal liest und liest und liest: "Denn ihr seid alle Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude, noch Grieche, hier ist nicht Sklave, noch Freier, hier ist nicht Mann, noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." So treibt Paulus seine Leser vor sich her, mal innig (das "Hohelied der Liebe"; 1. Korintherbrief 13), mal mitreißend: "Lieber würde ich sterben. Nein, meinen Ruhm soll mir niemand zunichte machen."

Berühmt ist die Damaskus-Szene, jener Moment, in dem aus dem Saulus ein Paulus wurde: also aus dem jüdischen Christenverfolger ein Christ. Ein radikaler Wandel, aber nicht ohne Kontinuität. Der rote Faden im Leben dieses Mannes besteht aus Leidenschaft und aus der Furchtlosigkeit, dem Erkannten zu folgen. Paulus stammt aus einer streng jüdischen Familie. Geboren wurde er um das Jahr null, vielleicht im Jahr 5 in Tarsus in Kleinasien, einer blühenden Stadt. Paulus schloss sich der strengen Pharisäer-Richtung an, die auf Einhaltung der 613 Vorschriften in der Thora, den fünf Büchern Mose, achtete.

Im römischen Reich lebten viereinhalb Millionen Juden, etwa sieben Prozent der Gesamtbevölkerung — und nur eine Minderheit davon lebte in Palästina. Der relativ hohe Anteil an der Gesamtbevölkerung wird auch damit erklärt, dass der jüdische Monotheismus in der zersplitterten Religionslandschaft der Antike starke Anziehungskraft auf viele Menschen ausübte.

Mischung aus Selbstbewusstsein und Demut

Die jüdischen Synagogengemeinden im römischen Reich hatten eine interne Gerichtsbarkeit. Bei Verstößen gegen religiöse Regeln konnten eigene Richter Strafen von der Geißelung bis zur Verbannung aussprechen. Ein solches Amt übte Paulus aus. Er selbst ist später als Christ mehrfach von seinen früheren Kollegen verurteilt worden: "Von den Juden habe ich fünfmal erhalten 40 Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen und einmal gesteinigt worden" — Steinigung muss also kein Todesurteil gewesen sein.

Seine Bekehrung erwähnt er nur nüchtern: Christus sei als Auferstandener gesehen worden "von Kephas (Petrus), danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von 500 Brüdern auf einmal. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden." Das war um das Jahr 35.

Für sich hat er mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Demut die Apostelwürde beansprucht — hat sich als den geringsten unter den Aposteln bezeichnet, doch ebenso leidenschaftlich seine Autorität verteidigt: "Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen; ich habe mehr Schläge erlitten; ich bin oft in Todesnöten gewesen. Ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern."

Kirchenspaltung vermieden

Paulus hat aus der Begegnung mit Christus revolutionäre Konsequenzen gezogen — als Abkehr von den Geboten des Judentums und Hinwendung zu den Heiden. Darüber kam es zu schweren Spannungen innerhalb der Christenheit und zwischen Juden und Christen.

Rund 15 Jahre missionierte Paulus. Die Christenheit war zunehmend gespalten — in einen judenchristlichen Teil, der sich noch an das jüdische Gesetz hielt, und jenen heidenchristlichen Teil, der mit Reinheitsgeboten oder der Beschneidung nichts anzufangen wusste. Um das Jahr 50 fand der Apostelkonvent statt, jenes Treffen zwischen den Uraposteln und Paulus in Jerusalem. Anlass waren judenchristliche Prediger, die in heidenchristlichen Gemeinden die Beschneidung propagierten. Paulus wies das entschieden zurück und verteidigte seine zentrale Erkenntnis, dass die alten Vorschriften in Christus überwunden sind.

Der Konvent war erfolgreich. Petrus erkannte die Eigenständigkeit der paulinischen Linie an; die Spaltung der Kirche war vermieden. Ein kleines Wunder. Im Brief an die Galater berichtet Paulus von einem Streit mit Petrus in Antiochia. Petrus saß und aß offen und frei mit der heidenchristlichen Gemeinde zusammen, bis strenge Judenchristen auftauchten — dann sonderte Kephas sich plötzlich ab.

Prozess als Staatsfeind

Paulus nannte das Heuchelei, Abweichung von der Wahrheit des Evangeliums. Die Passage zeigt immerhin auch dies: Petrus fühlte sich innerlich sehr wohl frei von jenen Reinheitsgeboten des Judentums, denn er folgte ihnen nicht, als er unbeobachtet war. Petrus und Paulus haben in diesem Punkt im Kern wohl dasselbe gedacht. Paulus jedenfalls ließ es nie zum Bruch mit Jerusalem kommen — nannte die Ur-Apostel und ihre Gemeinde nur "die Heiligen".

Bei einem weiteren Aufenthalt in Jerusalem im Jahr 57 wurde Paulus verhaftet. Die Römer machten ihm als Staatsfeind den Prozess. Er zog sich über Jahre hin. Paulus durfte als römischer Bürger auch die letzte Instanz anrufen — das kaiserliche Gericht in Rom. Von 60 bis 62 war er dort Gefangener. Um 62 herum wurde er zum Tode verurteilt.

Als er starb, hatte er die Welt verändert. Sein Ringen um Erkenntnis hat er so beschrieben: "Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin." (Ende unserer Serie)

(RP)