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Opfer des rechten Terrors von Hanau: „Als ich ankam, waren schon fast alle tot“

Opfer des rechten Terrors von Hanau : „Als ich ankam, waren schon fast alle tot“

Neun Menschen starben, sechs wurden schwer verletzt, als der mutmaßliche Tätet von Hanau zu seiner rassistisch motivierten Tat ansetzte. Dann tötete er offenbar seine Mutter. Wer sind seine Opfer?

Als am Mittwochabend in Hanau die ersten Schüsse fallen, sitzt Muhammed B. im Kiosk am Kurz-Schumacher-Platz und hat sich gerade etwas zu Essen bestellt. „Wir dachten erst, es seien Böller oder eine Schreckschusswaffe“, erzählt er der „Bild-Zeitung“.Aber dann sei ein bewaffneter Mann in den Kiosk gelaufen und habe dort alle getötet. Er habe versucht, seinem Kollegen noch zu helfen, da sei es aber schon vorbei gewesen: „Ich habe gesehen, wie meine Kumpels ihren letzten Atemzug taten.“ Wie durch ein Wunder überlebte er den Anschlag und kommt schwerverletzt davon.

Am Mittwochabend tötet Tobias R. erst vier Menschen in der Innenstadt, in der Shisha-Bar "Midnight" und im Café "La Votre". Dann zieht er weiter in den Stadtteil Kesselstadt im Westen Hanaus und tötet im Kiosk am Kurt-Schumacher-Platz fünf weitere Menschen. Alle Opfer haben einen Migrationshintergrund. Zurück in seiner Wohnung erschießt er seine Mutter und schließlich sich selbst.

Ein eigens eingerichteter Instagram-Account hat Namen und Fotos veröffentlicht, die Opfer des Anschlags zeigen sollen. Offizielle Angaben gibt es bisher nur wenige.

Eines der Opfer ist Ferhat U. Mit Anfang zwanzig habe der junge Mann erst vergangene Woche seine Ausbildung als Anlage-Mechaniker in einem Sanitärbetrieb abgeschlossen, erzählte sein Vater der „Bild-Zeitung“. „Wir sind am Ende unserer Kräfte. Ferhat war unser ganzer Stolz“, sagt Metin U. Ein Freund der Familie berichtet „t-online“, Ferhats Opa sei 1979 als Gastarbeiter in die Stadt gekommen und habe Hanau mit aufgebaut: „Der Täter fuhr wahrscheinlich über Straßen, die Ferhats Opa gebaut hat!"

Laut „Spiegel“ kamen am Donnerstagabend mehr als hundert Männer im Agri Solidaritäts- und Hilfsverein in Hanau zusammen, um sich von Gökhan G. zu verabschieden. Er habe es in seinem Leben nicht immer leicht gehabt, berichtet einer von ihnen. Vor einigen Jahren sei Gökhan von einem Auto angefahren worden und habe lange Zeit im Koma gelegen. "Er hatte damals großes Glück, dass er überlebt hat. Und dann passiert so etwas Schreckliches." Dem „t-online“-Reporter Lars Wienand erzählte seine Cousine: „Sein Vater hat Krebs im Endstadium. Nun muss er seinen Sohn beerdigen.“ Laut „Süddeutscher Zeitung“ habe er sich gerade verloben wollen und jobbte abends im Kiosk. Mercedes K. arbeitete am Abend der Tat im Kiosk neben der Arena Bar. Mit ihren Eltern und zehn Geschwistern habe sie in Hanau-Kesselstadt gewohnt, berichtet der „Spiegel“. Laut „Süddeutsche Zeitung“ ist sie selbst Mutter zweier Kinder. Sie wurde 35 Jahre alt.

Ebenfalls gestorben ist ein Mann aus Regensburg. Das berichtet der Bayrische Rundfunk unter Berufung auf Salih Altuner, Herausgeber der deutsch-türkischen Nachrichtenzeitschrift „Regensburg Haber“ und Integrationsbeirat der Stadt. Der 34-jährige Mann mit türkischer Abstammung sei erst vor Kurzem nach Hessen gezogen. Die Familie des Mannes lebe zwar in Regensburg, sie wolle jedoch, dass er in der Türkei beerdigt wird.

Zwei weitere Menschen sollen in der Shisha Bar „Midnight“ ums Leben gekommen sein, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Darunter der 22-jährige Hamza K., der offenbar in der Nähe des Täters wohnte. Seine Familie soll während des Bosnienkriegs vor antimuslimischer Verfolgung nach Deutschland geflogen sein. Auch der Betreiber der Shisha-Bar „Midnight“ soll mit einem Kopfschuss getötet worden sein.

Kemal Kocak gehört der Kiosk neben der Arena Bar. Er sei zum Kiosk gerast, als er hörte, was passiert ist, erzählte er dem „Spiegel“: "Ich bin zuerst in die Arena Bar, aber als ich dort ankam, waren fast alle tot. Ein, zwei haben noch gelebt und wollten Hilfe, aber ich konnte nicht mehr helfen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schüsse in Hanau – elf Menschen sterben

(RP)