150.000 Osteuropäerinnen arbeiten als Haushaltshilfen: "Ohne polnische Hilfskräfte geht es nicht"

150.000 Osteuropäerinnen arbeiten als Haushaltshilfen : "Ohne polnische Hilfskräfte geht es nicht"

Geschätzte 150.000 Osteuropäerinnen betreuen hierzulande alte Menschen für ein Gehalt, das deutlich unter dem deutscher Hilfskräfte liegt. In Geldern vermittelt die Caritas Haushaltshilfen.

Mirona Krauze ist der "gute Engel" im Haushalt von Elisabeth Dix. Krauze macht der 91-jährigen Seniorin aus Geldern morgens das Frühstück, sie geht mit ihr einkaufen, hilft ihr in den Treppenlift und hält die Wohnung sauber. Die 42-jährige Polin fährt sogar mit Dix in den Urlaub. "Im April geht es nach Ägypten", erzählt die Seniorin, während Krauze ihr Wasser nachschenkt. Nach zwei Schlaganfällen ist die Geldenerin auf den Rollstuhl angewiesen.

Ohne ihre Hilfskraft würde sie längst in einem Pflegeheim leben, vermutet Dix. Aber sie wollte nicht umziehen. "Ich lebe 30 Jahren hier, das gebe ich doch nicht einfach auf." Die Kinder sind ausgezogen — sie würden sich nicht rund um die Uhr kümmern können. Deshalb tue das seit gut einem Jahr ihre Mirona.

Diese Situation könnte in Zehntausenden deutschen Haushalten spielen. Die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland belief sich Ende 2011 auf rund 2,5 Millionen Menschen. 1,76 Millionen werden zu Hause versorgt, in knapp zehn Prozent dieser Haushalte arbeiten osteuropäische Frauen, schätzt das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln.

"Ohne polnische Hilfskräfte geht das heute nicht mehr."

Michael Isfort, einer der Autoren einer dip-Studie zur "Situation von Familien mit mittel- und osteuropäischen Haushaltshilfen", sagt: "Wir gehen von 150.000 osteuropäischen Haushaltshilfen aus." In den meisten Fällen gehe es weniger um die Pflege als darum, dass einfach jemand im Haus sei. Doch so einen Rund-um-die-Uhr-Service könne kein ambulanter Pflegedienst leisten. Zudem wäre er mit mindestens 7000 Euro im Monat kaum finanzierbar. "Ohne polnische Hilfskräfte geht das heute nicht mehr."

Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzt, dass rund 95 Prozent der Privathaushalte — auch aus diesem Grund — ihre Hilfskräfte illegal beschäftigen. Das Hilfswerk der Caritas kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Von den knapp 200.000 Haushaltshilfen aus Osteuropa, würden gerade einmal 3000 legal eingesetzt. Die meisten arbeiten schwarz. Obwohl sie seit Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit vor knapp zwei Jahren freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben. Denn viele Pflegebedürftige können sich eine Betreuung wie Elisabeth Dix nicht leisten. Deshalb boomt die Schwarzarbeit. Das Problem: Die illegalen Haushaltshilfen, die oft auch pflegerische Tätigkeiten übernehmen müssen, haben keinerlei Arbeitsschutz.

Mirona Krauze aus Tschenstochau aber ist legal angestellt. Sie ist in Deutschland versichert, sie bezahlt Steuern und hat einen Arbeitsvertrag mit geregelten Zeiten und Urlaub. Dafür zahlt Elisabeth Dix als Arbeitgeberin gut 100 Euro an die Caritas und knapp 2000 Euro an Krauze — Verpflegung und Unterkunft nicht mitgerechnet. Krauze wohnt im Stockwerk über Dix. Für das Geld würde kaum jemand hierzulande diese Arbeit machen. Krauze aber verdient hier etwa dreimal so viel, wie für denselben Job in ihrem Heimatland.

Caritas vermittelt Hilfskräfte

Die gelernte Schneiderin ist über die Caritas hierher gekommen. Seit knapp zwei Jahren vermittelt der Caritasverband Geldern-Kevelaer als erster in der Diözese Münster Polinnen als Haushaltshilfen nach Deutschland. Pflegerische oder medizinische Arbeit ist für die Frauen allerdings tabu. Dafür ist weiterhin eine Fachkraft der örtlichen Caritas zuständig. Caritas-Bereichsleiterin Regina Schüren erklärt: "Um die Frauen vor Ausbeutung zu schützen, arbeiten wir eng mit der Caritas in Polen zusammen."

Es müsse sichergestellt sein, dass sich jemand dort um die Familie kümmere, dass die Haushaltshilfen ihren eigenen Wohnbereich bekommen und die Möglichkeit haben, mit ihrer Familie Kontakt zu halten. "Zudem erhalten die Frauen einen Sprachkursus und wenn nötig einen Pflegekursus, bevor sie herkommen." Insgesamt zehn Frauen aus Polen arbeiten derzeit von der Caritas vermittelt in Haushalten im Südkreis Kleve. Und die Nachfrage steigt.

500 Euro für einen 24-Stunden-Job

Neben der Caritas existieren weitere Vermittlungsagenturen, die vor allem über das Internet Dienste osteuropäischer Haushaltshilfen anbieten. Doch häufig verdienen hierbei vor allem die Vermittler. Die Haushaltshilfen erhalten laut Schätzungen von Experten teilweise nur 500 bis 800 Euro für einen 24-Stunden-Job. Mitte Februar gab die Bundesagentur für Arbeit bekannt, dass sich die Zahl der offenen Stellen in der Altenpflege binnen weniger Jahre vervielfacht hat und allein bei den Arbeitsämtern 14.000 offene Stellen für Altenpflegefachkräfte nicht besetzt werden können.

Dazu sagt der Präsident des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, Bernd Meurer: "Die Realität sieht ganz anders aus. Berücksichtigt man, dass die Mehrzahl der ambulanten Dienste und stationären Einrichtungen offene Stellen gar nicht mehr melden, ist ein akuter Bedarf von 50 000 Fachkräften realistisch."

Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf 3,4 Millionen ansteigen. Ursache ist vor allem die kontinuierlich zunehmende Zahl älterer Menschen. Die osteuropäischen Hilfen schließen die Lücke, die entsteht, weil einerseits weniger Angehörige ihre Verwandten pflegen können oder wollen und andererseits kaum Fachkräfte ausgebildet werden.

Dix hofft, noch viele Jahre mit "ihrer Mirona" in ihrem Haus in Geldern leben zu können. "Sie ist das Beste, was mir passieren konnte."

(RP/anch/jco)