Noktara über Satire auf Essen: „Ausgerechnet mit einem Flachwitz erreichen wir Aufmerksamkeit“

Satire-Seite „Noktara“ : „Ausgerechnet mit einem Flachwitz über Essen erreichen wir Aufmerksamkeit“

Während des Ramadan heißt die Stadt Essen „Fasten“ - aus Rücksicht auf Muslime: Das meldete das ungarische Staatsfernehen und ging damit der deutschen Satire-Seite „Noktara“ auf den Leim. Im Interview sprechen die beiden Macher über Schadenfreude, Anfeindungen und Grenzen von Satire.

Sie wundern sich immer noch darüber, dass jemand darauf hereingefallen ist: Vor wenigen Tagen meldeten Soufian El Khayari und Derya Sami Saydjari auf ihrer Satire-Seite „Noktara“, dass die Stadt Essen sich während des Ramadan in „Fasten“ umbenennt - aus Rücksicht auf Muslime. Auf Twitter und Facebook lachten viele Menschen darüber - und noch mehr lachten sie, als das ungarische Staatsfernsehen die Meldung einfach übernahm und die Umbenennung vermeldete, als würde sie stimmen. Aber es ist Satire. Wie alles, was Soufian El Khayari und Derya Sami Saydjarinur auf „Noktara“ veröffentlichen.

Die beiden Muslime leben in Deutschland, ihre Eltern stammen aus der Türkei, Syrien und Marokko, sie selbst sind in Rheinland-Pfalz und Hessen aufgewachsen. Vor zwei Jahren gründeten sie „Noktara“. Seitdem schreiben sie, dass der Weihnachtsmann zum Islam konvertiert ist, dass Beate Zschäpe zu lebenslangem NSU-Prozess verurteilt wurde und dass eine Lehrerin mit Kopftuch unterrichten darf, wenn sie danach putzt. Es sind frei erfundene Geschichten, mit denen die beiden Muslime aktuelle Debatten über den Islam, Flüchtlinge, den Nahostkonflikt oder Rechtspopulismus aufgreifen. Ihre Seite wird deshalb oft auch „muslimischer Postillon“ genannt, in Anlehnung an die bekannte Satire-Seite. Im Interview sprechen sie über ihre Motivation und ihren Coup mit dem Scherz über die Stadt Essen.

Herr El Khayari, Herr Saydjari, das ungarische Staatsfernsehen ist auf Ihre Satire hereingefallen. Feiern Sie das?

Soufian El Khayari Wir freuen uns natürlich, zumal wir nicht damit gerechnet haben. Ganz besonders nicht bei dieser Geschichte, die offensichtlich Satire ist. Dass die Stadt Essen sich im Ramadan in Fasten umbenennt, ist ein recht simpel gestrickter Witz. Deshalb ist es umso lustiger, dass jemand darauf hereingefallen ist.

Derya Sami Saydjari Ausgerechnet mit einem Flachwitz über Essen erreichen wir eine so große Aufmerksamkeit. Aber für uns ist es natürlich ein Ritterschlag, wenn wir von einer Nachrichtensendung für voll genommen werden.

Haben Sie also erreicht, was Sie wollten?

Soufian El Khayari Unser Plan war es nicht, dass unser Beitrag in den ungarischen Nachrichten auftaucht. Aber wir wollten damit Menschen hereinlegen, die nicht darauf achten, ob die Meldung aus einer seriösen Quelle stammt oder nicht - die also einfach glauben, was sie im Internet lesen, ohne die Fakten zu checken. Das ist uns mit dieser Geschichte offenbar gelungen.

Derya Sami Saydjari Nur dass wir nicht genau wissen, warum. Haben die Journalisten dieser ungarischen Nachrichtensendung ihre Arbeit einfach nur schlecht gemacht? Oder haben sie unsere Satire absichtlich für ihre Propagandazwecke einsetzen wollen? Darüber können wir nur mutmaßen.

Haben Sie auch eine Reaktion der Stadt Essen bekommen?

Soufian El Khayari Nein, nichts. Aber die Stadt Essen dürfte es inzwischen schon gewohnt sein, dass jemand sich über sie lustig macht. Ich vermute, deshalb kam keine Reaktion.

Wie haben Sie überhaupt davon erfahren, dass ihr Beitrag im ungarischen Fernsehen gelandet ist?

Soufian El Khayari Wir haben den Artikel vor vier Tagen veröffentlicht. Die Leute fanden ihn lustig und teilten ihn auf Twitter, die Geschichte lief ganz gut. Plötzlich meldeten sich ungarische Leser bei uns, weil sie unseren Beitrag in den Fernsehnachrichten gesehen hatten - sie lachten sich darüber kaputt. Dann griffen auch regierungskritische Blogger in Ungarn das Thema auf - jedoch finden sie das nicht so lustig, sondern sind erschrocken, dass die Satire von der Nachrichtensendung ungeprüft übernommen wurde. Inzwischen berichten auch englischsprachige Seiten darüber, dass wir in den ungarischen Nachrichten aufgetaucht sind. Wir haben offensichtlich einen Nerv getroffen.

Was erreichen Sie damit, wenn Sie jemanden hereinlegen?

Soufian El Khayari Wir bringen jemanden zum Nachdenken. Er fragt sich: Ach, das stimmt gar nicht? Vielleicht hätte ich es doch nicht einfach glauben sollen. Vielleicht habe ich es nur geglaubt, weil es meinem Weltbild entspricht? Zumindest hoffen wir, dass sich jemand solche Gedanken macht, wenn er auf unsere Satire hereingefallen ist.

Machen Sie deshalb Satire?

Soufian El Khayari Wir mögen Satire, und Satire ist notwendig, weil sie das Weltbild eines Menschen infrage stellt. Natürlich gibt es schon Satire-Seiten in Deutschland. Es wird auch schon viel über Muslime, Migranten und Flüchtlinge geredet - aber selten von ihnen selbst. Das machen wir auf unserem Portal.

Wie unterscheidet sich Ihre Satire von der Satire, die von Nicht-Muslimen gemacht wird?

Soufian El Khayari Wir machen Ethno-Satire. Das ist Satire, die von Minderheiten selbst gemacht wird und über die oberflächlichen Stereotypen hinausgeht. Unsere Satire ist authentisch. Das mögen die Leute.

Sie machen Witze über Muslime, Juden und Christen. Gibt es Grenzen?

Soufian El Khayari Wir machen Sachen, die wir selbst lustig finden. Aber wir ziehen weder den Islam noch das Christentum oder das Judentum durch den Kakao, sondern das Fehlverhalten der Menschen. Dieser Unterschied ist uns wichtig. Wir wollen nicht respektlos sein.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Beiträge?

Soufian El Khayari Anfangs gab es Kritik, aber eher aus dem humorlosen salafistischen Spektrum. Mittlerweile sind wir in der muslimischen Community angekommen. Die Leute lachen über unsere Geschichten.

Bekommen Sie Anfeindungen?

Derya Sami Saydjari Wenig. Nichts Nennenswertes.

Soufian El Khayari Es hängt vielleicht damit zusammen, wie wir unsere Satire machen. Es geht uns nicht darum, Leute zu beleidigen. Wir wollen nur auf Missstände hinweisen und die Menschen dabei unterhalten. Die Leute sollen über unsere Satire lachen können.

Die Fragen stellte Markus Werning.

(wer)
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