Nikolaus Schneider: "Uns steht ein schweres Jahr bevor"

Nikolaus Schneider tritt als EKD-Chef zurück : "Uns steht ein schweres Jahr bevor"

Nikolaus Schneiders Frau Anne (66) hat Brustkrebs. Ihr Mann tritt daher als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland zurück. Erneut trifft die Krankheit die Familie - die jüngste Tochter starb 2005 an Leukämie.

Es ist keine anderthalb Jahre her, dass Anne und Nikolaus Schneider ihre Sachen im Rheinland packten und nach Berlin zogen - guten Mutes, wenn auch mit Abschiedsschmerz. Schneiders Amtszeit als rheinischer Präses war gerade zu Ende gegangen; jetzt wollte er sich auf sein Ehrenamt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und oberster Repräsentant der deutschen Protestanten konzentrieren. Da lag es nahe, nach Berlin umzusiedeln, ins Zentrum des Geschehens. Schneider hatte sich gerade von einem Unfall erholt, der ihn monatelang außer Gefecht gesetzt hatte. Mit dem Umzug verband sich für beide die Hoffnung auf mehr Freiheit, vor allem auf einen lockerer bestückten Terminkalender, und mehr Zeit mit der Familie - eine Tochter und drei Enkel leben in der Hauptstadt.

Die Erwartung größerer terminlicher Freiheit erwies sich schnell als Illusion; jetzt kommt eine viel größere Belastung hinzu: Anne Schneider, 66 Jahre alt, hat Krebs. Ihr Mann, ebenfalls 66, gibt deshalb im November den Ratsvorsitz ab und auch seinen Sitz im Rat, der "Regierung" der EKD, um dem anstehenden "gemeinsamen Weg" alle verfügbare Zeit zu widmen, wie er gestern sagte. Vergangene Woche wurde der Brustkrebs diagnostiziert, der nach Schneiders Worten auch das Lymphsystem befallen hat. Jetzt folge eine langwierige Therapie. "Eines ist völlig klar: Uns steht ein schweres Jahr bevor, mit Chemo, Operation und Bestrahlung."

Der gebürtige Duisburger sagte dabei einen in seiner warmherzigen, direkten Theologie für ihn typischen Satz: "Wenn ich das Verhältnis sehe zwischen Liebe und Dienst, dann sehe ich das so, dass die Liebe zum Dienst führt und wir unseren Dienst auch mit Liebe und Engagement ausführen können. Aber jetzt ist eine Zeit, da geht die Liebe zu meiner Frau vor dem Dienst, und das will ich auch so leben."

Der Rückzug ist nicht nur menschlich naheliegend, sondern auch beruflich folgerichtig - schließlich war und ist der Amtsträger Schneider ohne seine Frau kaum vorstellbar. Beide pflegten Termine, von der Synode bis zur Auslandsreise, selbstverständlich gemeinsam wahrzunehmen. Beide sind durch und durch politisch engagierte Menschen. Seine Frau sei ihm der "wichtigste Gesprächspartner, auch in kirchlichen und theologischen Fragen", hat Schneider einmal gesagt; vieles, was er sage, stamme von seiner Frau. Das hat auch fachliche Gründe: Anne Schneider ist pensionierte Lehrerin für Mathematik und Religion. Die beiden sind seit 44 Jahren verheiratet - eine Studienfreundschaft aus Wuppertaler Tagen.

Ein Keulenschlag ist die Diagnose für die Schneiders auch deswegen, weil die Familie bereits ein Kind durch Krebs verloren hat: Meike, die jüngste der drei Töchter, starb 2005 mit 22 Jahren an Leukämie. Diese Erfahrung habe seinen Glauben verwundet, sagt Nikolaus Schneider; der Verlust und der Umgang damit haben zugleich sein öffentliches Auftreten geprägt. Zusammen hat das Paar sein Ringen mit Gott in einem Buch verarbeitet.

Für die EKD bedeutet der Rücktritt den zweiten vorzeitigen Wechsel an der Spitze nach dem Rücktritt Margot Käßmanns wegen Trunkenheit am Steuer 2010. Schneider hatte als ihr Stellvertreter damals die Lücke gefüllt, obwohl er schon 63 war - nun muss es ihm im November bei der Synodentagung in Dresden einer aus dem Kreis der leitenden Geistlichen der Landeskirchen (aus deren Kreis der Ratsvorsitzende traditionell gewählt wird) nachtun. Der Nachfolger wird zunächst nur für ein Jahr gewählt, denn Schneiders Amtszeit wäre 2015 regulär zu Ende gegangen. Ob es erneut der Stellvertreter sein wird, erscheint auch deshalb zweifelhaft - Jochen Bohl aus Sachsen ist schon 64 Jahre alt und damit dem Pensionsalter bedenklich nahe. Er wäre vermutlich ein Kurzzeit-Ratschef.

Den aber wird sich die EKD kaum wünschen können. Denn 2017 steht das Reformationsjubiläum ins Haus, das noch viel Vorbereitung erfordert. Zwar gibt es mit Schneiders Vorgängerin Käßmann mittlerweile eine "Reformationsbotschafterin", die sich ausschließlich um die 500-Jahr-Feier der Reformation kümmern soll - das ändert aber nichts daran, dass die wichtigste Aufgabe des neuen Ratsvorsitzenden sein dürfte, das Jubiläum theologisch fundiert und zugleich politisch fassbar mit Leben zu füllen.

Insofern läge es nahe, im November denjenigen (eine Frau wäre angesichts des aktuellen Personaltableaus eine große Überraschung) zu wählen, der dann auch die folgende Amtszeit bis 2021 ausfüllt. Nach jetzigem Stand hat darauf der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm die besten Aussichten. Der 54-Jährige ist voriges Jahr in Düsseldorf in den Rat nachgewählt worden, hat also schon Leitungserfahrung im komplizierten Organismus EKD mit seinen Proporzzwängen und tiefen Animositäten zwischen Lutheranern und Reformierten gesammelt. Immer wieder genannt werden auch Ralf Meister (52, Hannover), Volker Jung (54, Hessen-Nassau) und Markus Dröge (59, Berlin-Brandenburg).

(RP)
Mehr von RP ONLINE