Stellenbewerbungen NDR lässt selbst Bluttests vornehmen

Hamburg (RPO). Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) verlangt von Stellenbewerbern einen Bluttest. Der öffentlich-rechtliche Sender nimmt allen Bewerbern Blut ab, die einen Arbeitsvertrag erhalten sollen. Damit werde geprüft, "ob eine Person gesundheitlich für die vorgesehene Tätigkeit geeignet ist", sagte Sendersprecher Martin Gartzke am Donnerstag. Der NDR sehe in dem Vorgehen einen "wesentlichen Unterschied" zur Praxis bei Daimler. Dennoch will der Sender die von Arbeitsrechtlern kritisierte Handhabung prüfen.

 Auch der NDR hat Bluttests mit Bewerbern gemacht.

Auch der NDR hat Bluttests mit Bewerbern gemacht.

Foto: AFP, AFP

Die "Tageszeitung" ("taz") hatte über die Bluttests beim NDR berichtet. Als eine "Unverschämtheit" habe sie die Blutuntersuchung im Bewerbungsverfahren empfunden, sagte eine NDR-Journalistin dem Blatt. Grundsätzlich sei es dem Sender damit auch möglich, Hinweise auf eine Schwangerschaft zu erhalten, die er rechtlich nicht erfragen dürfe.

Mehrere Firmen verlangen Bluttests

Kürzlich hatten Recherchen des Radiosenders NDR Info umstrittene Bluttests bei Daimler aufgedeckt. Danach fordert der Stuttgarter Autobauer Blutproben von Stellenbewerbern. Ein Daimler-Sprecher bestätigte dies. Der Kosmetik-Hersteller Beiersdorf und das Pharma-Unternehmen Merck hatten ebenso jenes Vorgehen eingeräumt. In der Folge war eine kontroverse Diskussion zwischen Unternehmen und Arbeitsrechtlern entbrannt, welche Daten ihrer Beschäftigten die Firmen beanspruchen dürfen.

"Beim NDR ist in einer Betriebsvereinbarung festgelegt, dass vor jeder Festeinstellung durch den Betriebsarzt eine Einstellungsuntersuchung unter Berücksichtigung der vorgesehenen Tätigkeit durchgeführt wird", sagte Gartzke. Dies geschehe bei künftigen Mitarbeitern, nachdem sich der NDR für einen Bewerber entschieden habe. Die Untersuchungsergebnisse dienten nicht als Auswahlkriterium zu einem Zeitpunkt, zu dem noch mehrere Kandidaten "im Rennen" seien.

Besonderes Gewicht wird dabei Gartzke zufolge etwa bei Kameraleuten auf das Sehvermögen gelegt oder bei Tontechnikern auf die Hörfähigkeit. Im Rahmen dieser Eignungsuntersuchung wird auch ein Bluttest gemacht. Danach teilt der Betriebsarzt dem NDR "lediglich mit, ob ein Bewerber für die vorgesehene Tätigkeit gesundheitlich geeignet ist oder nicht". Einzelheiten der Diagnose gebe der Arzt nicht weiter, sagte Gartzke.

Arbeitsrechtsexperte kritisiert Vorgehen

Gregor Thüsing von der Universität Bonn kritisierte diese Praxis. "Das ist nicht zu rechtfertigen", sagte der Arbeitsrechtsexperte. In der Handhabung der Blutuntersuchungen beim Sender sieht er einen "Verstoß gegen das Datenschutzgesetz". Darin sei festgelegt, dass Arbeitgeber von Arbeitnehmern nur die "erforderlichen" Daten erheben dürften. Nur diejenigen Informationen seien für die Einstellung relevant, die zur Beurteilung der Eignung eines Bewerbers notwendig seien.

Der Bluttest kann laut NDR Anhaltspunkte dafür geben, "ob ein einzustellender Mitarbeiter die vorgesehene Wochenarbeitszeit wird bewältigen können". "In diesem Fall überschreitet der NDR die rechtliche Grenze", sagte Gerrit Forst von der Universität Bonn. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) wollte keine Stellungnahme dazu abgeben.

Zwischen den Bluttests bei Daimler und dem Sender gibt es NDR Info zufolge "einen wesentlichen qualitativen Unterschied". Während offensichtlich bei Daimler jeder Bewerber der engeren Auswahl zum Bluttest müsse, werde ein Bluttest beim Sender nur nach einer Zusage vorgenommen. "Daher gab es für die Reporter von NDR Info keinen Grund, dieses Vorgehen in der Berichterstattung zu thematisieren", heißt es.

Dennoch will der Sender die bisherige Praxis nun überprüfen, die sich an Einstellungsuntersuchungen im öffentlichen Dienst orientiert und die es unverändert seit den 70er Jahren gibt. Dabei soll laut Gartzke auch geklärt werden, ob die Notwendigkeit von Blutuntersuchungen weiterbesteht.

(ddp/top)
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