Nach Flixbus-Unfall auf A9: Welche Technik Busfahrer unterstützen kann

Flixbus-Unfall auf A9 : Wie Technik schwere Busunfälle verhindern kann

Nach dem schweren Unfall eines Reisebusses der Firma Flixbus auf der A9 erläutert ein Kfz-Experte des Tüv Rheinland, welches Sicherheitssystem für Fernbusse Standard sein sollte. Verdi kritisiert die Partnerschaften des Reisebusunternehmens.

Eine Frau stirbt, neun Menschen sind schwer verletzt, darunter auch der 59-jährige Busfahrer – das ist die bittere Zwischenbilanz des Flixbus-Unfalls vom Sonntag auf der Autobahn 9 bei Leipzig in Richtung München. Als Ursache vermutete die Autobahnpolizei einen Sekundenschlaf des Fahrers.

Thorsten Rechtien ist Kfz-Experte beim Tüv Rheinland und weiß, welche Assistenzsysteme den Fahrer in Gefahrenlagen unterstützen können. „Es gibt Kontrollsysteme, die das Fahrverhalten analysieren, zum Beispiel die Spurhalteassistenz“, erzählt Rechtien. Solche Systeme könnten unterscheiden zwischen einem bewussten Spurwechsel und einem unkontrollierten Verlassen der Fahrbahn. „In so einem Fall gibt das System einen leichten Lenkimpuls“, erläutert Rechtien. Bedeutet: Das Lenkrad steuert dann leicht gegen, gleichzeitig vibriert es, um den Fahrer darauf aufmerksam zu machen, dass er die Fahrbahn verlässt.

Grundsätzlich, betont Thorsten Rechtien, könnten solche Systeme zwar hilfreich sein, aber mehr auch nicht: „Diese Systeme suggerieren zwar vermeintliche Sicherheit, doch als Erstes kommt immer noch der Mensch. Ein System kann nur fünf bis zehn Prozent der Sicherheit ausmachen, der Rest hängt vom Fahrer ab. Es gibt auch Situationen, in denen kann kein System der Welt helfen.“

Eine solche Situation muss es auch im Fall des verunglückten Flixbus-Fahrzeugs gegeben haben, denn nach Unternehmensangaben hat es an moderner Technik nicht gemangelt: „Die Fernbusflotte, die für uns im Einsatz ist, ist mit modernsten Sicherheitssystemen ausgestattet“, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage. Zu den Ausstattungsmerkmalen gehörten unter anderem Fahrdynamikregelung, Spurhalteassistent, Abstandsregeltempomat und Aufmerksamkeitsassistent.

Pflicht sind solche Systeme für Reisebusse nicht: „Das sind freiwillige Systeme. Aber eine Pflicht zu Spurhalteassistenten für Reisebusse und LKW würde Sinn machen“, meint Thorsten Rechtien vom Tüv.

Der 59-jährige Fahrer des Busses konnte aufgrund seiner schweren Verletzungen zunächst nicht befragt werden, wie eine Polizeisprecherin am Montag in Halle sagte.

Der Busfahrer war nach Unternehmensangaben nicht bei Flixbus direkt angestellt, sondern bei einem Subunternehmer: „Flixbus arbeitet mit regionalen Buspartnerunternehmen zusammen“, erklärte ein Sprecher. Die Busfahrer seien bei den Partnerunternehmen angestellt.

Einen Einblick in diese Partnerschaften von Flixbus gibt Mira Ball. Sie ist Leiterin der Fachgruppe Busse und Bahnen bei Verdi. „Die Partnerunternehmen von Flixbus haben sich in den vergangenen Jahren sehr verändert“, sagt Ball. „Anfänglich hat Flixbus nur mit deutschen Unternehmen zusammengearbeitet. Mittlerweile hat sich der Anteil deutscher Unternehmen rapide reduziert.“ Der übergroße Teil seien nun ausländische Firmen. „Hinzu kommt, dass auch die Fahrer nicht aus Deutschland kommen. Oft sind sie nicht einmal Angestellte der Partnerfirmen, sondern werden über Personalagenturen vermittelt“, so Ball. „Deswegen sind die Fahrer der Flixbus-Flotte für uns als Gewerkschaft so schwer zu greifen: Das fängt beim Sprachproblem an und hört beim Unternehmen Flixbus auf, das nur auf die Subunternehmer verweist.“

Und in puncto Arbeitnehmerrechte gehörten die Firmen auch nicht zur Speerspitze: „Unter den Unternehmenspartnern von Flixbus ist mir kein einziges bekannt, das tarifgebunden wäre oder einen Betriebsrat hätte.“ Balls Fazit: „Wer die Preise trotz steigender Kraftstoffkosten nicht erhöhen will, der kann, um seine Profitspanne zu vergrößern, nur an einer Stelle sparen: Beim Fahrer.“

Zwar hatte die Autobahnpolizei erklärt, sie gehe nach ersten Ermittlungen von einem Sekundenschlaf des Fahrers als Unfallursache aus, diesen Verdacht wollte eine Polizeisprecherin aber nicht bestätigen. Was den Unfall verursacht hat, ist also weiterhin unklar. Die Polizei untersuchte den Bus, die Passagiere erhielten Anhörungsbögen, um die Unfallursache aufzuklären.

Der Bus war auf der A9 in Richtung München bei Bad Dürrenberg an der Landesgrenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt von der mittleren Spur nach rechts von der Fahrbahn abgekommen und an der Böschung umgekippt. Eine Leitplanke bohrte sich durch die Windschutzscheibe. Eine Frau kam bei dem Unfall ums Leben. Genaue Angaben zur Identität der Toten konnte die Polizeisprecherin am Montagmorgen nicht machen. Neun Menschen wurden schwer, 63 Menschen leicht verletzt. Die Verletzten wurden auf insgesamt 14 Krankenhäuser verteilt. An Bord des Busses von Berlin nach München waren 75 Menschen.

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