Zum Muttertag Liebe Stiefmütter, was wurde Euch nicht schon alles angedichtet!

Düsseldorf · Mit schauriger Lust haben die Brüder Grimm von Eurem Neid und Eurer Bösartigkeit erzählt. Höchste Zeit, einmal in die Wirklichkeit zu blicken. Denn im Zeitalter der Patchwork-Familien ziehen immer mehr Frauen fremde Kinder groß. Darum zum Muttertag: ein Lob der Stiefmutter.

 Geschenk-Idee zum Muttertag: Pralinen.

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Foto: dpa

Sie ruhen tief in unser aller Gedächtnis, diese Märchenbilder: Von der hochmütigen Stiefmutter, wie sie dem armen Aschenputtel Erbsen und Linsen vor den Herd kippt, um das fleißige Kind vom Ball des Prinzen fernzuhalten. Von der neidischen Stiefmutter, wie sie ängstlich das Spieglein befragt, ob sie nur ja schöner sei als das zarte Schneewittchen mit den ebenholzschwarzen Haaren. Von der grausamen Stiefmutter, wie sie nachts mit wispernder Stimme ihren Mann überredet, Hänsel und Gretel im Wald auszusetzen.

Diese Szenen wecken intensive Gefühle, sie befeuern unseren Gerechtigkeitssinn, schüren Empörung, nötigen zu Mitleid. Und die Rollen sind märchenhaft klar verteilt: Stets ist die Stiefmutter die böse Macht, die von außen in die Kernfamilie eindringt und das eigene Wohl vor das des Kindes stellt. Sie ist die negative Verkehrung des Idealbilds der Mutter: fremd, launisch, ungerecht - eine Tyrannin.

Stiefmütter haben einen miserablen Ruf. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit aber nimmt die Zahl der Patchwork-Familien zu - und damit auch die der "Zweitmamas", "Bonusmütter", "Freundinnen meines Vaters" oder was man sonst sagen mag, um das Reden von der Stiefmutter zu vermeiden.

Dabei müsste der Begriff längst ein Ehrentitel sein. Denn Stiefmütter halten die neuen Mix-Familien zusammen. Und sie müssen dabei nicht nur gegen ihr negatives Märchen-Image anleben, sondern viel mehr Herausforderungen begegnen als Frauen in der klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie: Stiefmütter werden unfreiwillig und ohne Vorlauf in eine neue Rolle geworfen. Sie sollen eine gute Beziehung zu den Kindern ihres neuen Mannes aufbauen, dessen Ex-Frau mit ihrem Erziehungseinfluss mindestens tolerieren und dazu noch die attraktive neue Partnerin bleiben, mit der die Beziehung diesmal auf jeden Fall glückt.

Anders als im Märchen setzt sich die Stiefmutter in Wirklichkeit also nicht ins gemachte Nest und pflegt ihre Launen. Vielmehr benötigt sie ein hohes Maß an sozialer Kompetenz und pädagogischem Geschick, um höchst unterschiedlichen Ansprüchen im Beziehungsdickicht Familie zu genügen. Und trotzdem ihr Selbst nicht aufzugeben.

Das geht nicht immer gut. Sieben bis 13 Prozent aller Familien in Deutschland entstehen aus Patchwork-Verbindungen. Doch etwa die Hälfte dieser Familienformationen geht wieder in die Brüche. Das lässt ahnen, wie schwer die Rolle der Stiefmutter in Wahrheit ist, weil sie sich nicht mit dem Aufwachsen des Kindes natürlich einspielt, sondern plötzlich akut wird - und bewusst gestaltet werden will.

Darin liegt eine Chance. Von den neuen Stiefmüttern der Gegenwart kann man lernen, denn sie sind gezwungen, ihre Handlungsmuster zu reflektieren, und anders als leibliche Mütter besitzen sie manchmal noch jenes Quäntchen Distanz zum Familiengefüge, das sie zu hellsichtigen Beobachtern macht. Abstand bedeutet immer auch Freiheit - für alle Beteiligten.

Moderne Stiefmütter sind weniger gefährdet, sich vollkommen in der Mutterrolle aufzulösen. Sie leben parallel auch ihr altes Leben weiter, sind Partnerinnen eines neuen Lebensgefährten und wollen diese Rolle in der Regel nicht ganz von den Ansprüchen der Kinder überlagert wissen. Dann sind sie gezwungen, sich abzugrenzen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, dafür zu sorgen, dass es ihnen selbst gutgeht. Das ist die Voraussetzung für belastbares Glück.

Leicht ist das nicht. Denn auch Stiefmütter wollen geliebt werden, sie wollen die ungewohnte Mutterrolle vorbildlich erfüllen, es ihrem neuen Partner Recht machen - und es allen zeigen, die sowieso immer schon wussten, dass diese Beziehung nicht lange halten wird. Manchmal geraten Frauen dann in Konkurrenz zu den Kindern aus erster Ehe, beobachten eifersüchtig, wie der Mann zum Beispiel am Besuchswochenende nur für den fremden Nachwuchs da ist und weiter diese schönen kleinen Rituale pflegt, die es schon gab, bevor die neue Frau in sein Leben trat.

Die Kölner Psychologin Katharina Grünewald beschreibt solche Fälle in ihrem neuen Buch "Glückliche Stiefmutter" aus der Erfahrung in ihrer Praxis. Da gibt es den pubertierenden Sohn, der im Auto immer vorn neben dem Papa sitzt - und nicht nach hinten steigen mag, als der Vater sich neu verliebt. Oder die süße kleine Lilli, die ihre Ersatzmama ausgiebig provoziert - bis der Vater "sein kleines Mädchen" auf den Arm nimmt und seine neue Frau ermahnt, sie solle nicht so streng sein. Oder jene Ex-Frau, die ständig die Terminabsprachen fürs Besuchswochenende umschmeißt - aber von ihrem früheren Mann mit Engelsgeduld ertragen wird. In Patchwork-Familien geht es um Eifersucht, um Machtgerangel, um Positionierung im Gefüge - genau wie in jeder anderen Familie. Doch in der Patchwork-Familie treffen Persönlichkeiten mit Vorgeschichten aufeinander, Menschen, die sich die neue Situation nicht ausgesucht haben und dennoch miteinander zurecht kommen müssen.

Kinder wehren sich mit ihren Mitteln. Stiefmütter stecken oft lange ein, halten aus, dass sie gemobbt, geärgert, ignoriert werden. Bis ihnen die Kränkungen zu viel werden und wieder die Trennung im Raum steht. Ironischerweise werden also die Stiefmütter oft selbst Opfer, gerade weil sie nicht böse sind, sondern es gut meinen und eigenen Idealbildern entsprechen wollen.

Psychologin Grünewald rät darum zu Selbstfürsorge statt Selbstdisziplin. Und dazu, die Verhältnisse, die sich in der neuen Familienkonstellation ergeben haben, ehrlich zu betrachten. Anzuerkennen, was ist, dann nach Spielräumen für Veränderungen zu suchen. Sonst werde in Mix-Familien oft die Familienkonstruktion selbst zum Sündenbock. Dann scheinen die Probleme unabänderlich, dann wirkt die Lage zu verkorkst, um es weiter miteinander zu versuchen.

Eine Familie zu gründen ist ein Wagnis. Umso mehr, wenn dazu nicht nur zwei Menschen zueinanderfinden müssen, sondern Eltern und Kinder, die bereits ein hochsensibles Beziehungsgeflecht geknüpft haben.

Stiefmütter gehen dieses Wagnis ein, sie sind die Heldinnen einer Moderne, in der alles flüchtig geworden ist - auch die Bindungen in der Familie. Höchste Zeit also, neue Märchen zu erfinden.

(RP)