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Experten fordern bundesweites Kernabitur: Multiple Choice beim Abi

Experten fordern bundesweites Kernabitur : Multiple Choice beim Abi

München (RPO). Ein Gremium namhafter Bildungsexperten fordert ein nationales Kern-Abitur. Schüler sollen sich demnach ab spätestens 2018 einheitlichen Fragen in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch unterziehen. Die Prüfung soll zusätzlich zum bisherigen Abitur erfolgen. Das Anliegen der Experten: Gerechtigkeit.

Nach Ansicht der Forscher ist das Bildungswesen in Deutschland trotz aller Bemühungen um Angleichung ein Hühnerhaufen. In dem einen Land gibt es nur ein schriftliches Pflichtfach für das Abitur, in anderen vier, zentrale Prüfungen gibt es fast überall, aber überall anders.

Der Aktionsrat Bildung ist ein unabhängiges Expertengremium, das vom Präsidenten der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, geleitet wird. In seinem Gutachten leitet er aus seiner Situationsbeschreibung einen dringenden Handlungsbedarf ab. Allein aus Gerechtigkeitsgründen plädieren sie für eine bundesweite Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit der deutschen Reifeprüfung.

Es geht um Qualität und Vergleichbarkeit

Initiiert wurde der Rat von Randolf Rodenstock, dem Präsidenten der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Nach seinen Worten ist mehr Vergleichbarkeit bei den Abschlüssen Voraussetzung dafür, dass Schüler und Studenten mobiler sein könnten. "Bereits 2015 werden in Deutschland mehr als drei Million Fachkräfte fehlen", sagte er. Daher sei Mobilität immer wichtiger, um auch die Fachkräftelücke zu schließen.

Dabei hat der Rat bei seiner Kritik vor allem den Übergang zur Hochschule vor Augen. "Die Feststellung der Hochschulreife enthält eine Vorhersage darüber, ob (und wie gut) die Abiturientin oder der Abiturient im System Hochschule anschlussfähig ist", erklärt das Gutachten, das am Mittwoch in München vorgestellt wurde. Vor diesem Hintergrund fordert der Bildungsrat: "Fairness beim Hochschulzugang".

Einen gewichtigen Schritt in diese Richtung soll nun der Entwurf eines gemeinsamen Kernabiturs liefern. Dieses soll ab 2018 bundesweit einheitliche Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch umfassen. Mit einem solchen Kernabitur werde eine einheitlich hohe Qualität der Abiturleistungen in Deutschland gesichert und für eine bessere Vergleichbarkeit der Prüfungen gesorgt. So werde der Hochschulzugang gerechter gestaltet.

Die Folgen in der Praxis

In der Praxis hätte ein solches Kern-Abi bemerkenswerte Folgen. Zum Beispiel würde fortan ausnahmslos jeder Schüler im Fach Englisch eine Abiturprüfung ablegen müssen. Bisher ist das auch mit anderen Fremdsprachen ganz ohne die Lingua Franca möglich.

Zudem soll die Prüfung nach Ansicht der Forscher zusätzlich an einem bundesweit, einheitlich ducrhgeführten Extra-Tag erfolgen. Das heißt, dass in den Kernfächern oftmals auch doppelt geprüft werden würde. Beim Kern-Abi liefe das aber lediglich auf einen "Kompetenz-Test" nach Vorbild der Pisa-Tests hinaus.

Multiple-Choice beim Abi

"Als Aufgabenformate kommen (komplexe) Multiple-Choice-Aufgaben in Frage, aber auch offene Fragen mit differenzierten Kodierschlüsseln", heißt es im Gutachten. Pro Fach sind nicht mehr als 90 Minuten vorgesehen. In der normalen Prüfung nach herkömmlichen Muster könnten dann beispielsweise in Deutsch wieder mehrstündige Klausuren geschrieben werden.

Inhaltliche Basis für den Prüfungsstoff sollen nach Ansicht des Aktionsrats die nationalen Bildungsstandards werden, auf deren Entwicklung sich die Bundesländer bereits im Jahr 2007 verständigt haben.

Zehn Prozent der Note

Die gemeinsamen Prüfungselemente sollen dem Konzept zufolge zehn Prozent der Abiturnote ausmachen. Damit werde einerseits ein vergleichbarer Standard sichergestellt und andererseits den Bundesländern und Schulen weiter Raum für Flexibilität und Schwerpunktsetzungen überlassen, hieß es.

Die Prüfungen soll eine externe Institution übernehmen, nämlich das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin, das sich bereits mit der Entwicklung der Bildungsstandards befasst hat.

Philologen gegen Multiple-Choice-Tests

Der Deutsche Philologenverband äußerte sich kritisch: "Bei einem geplanten Ergebnisanteil von zehn Prozent stehen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis", sagte der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Auch die vom Aktionsrat angedachten Multiple-Choice-Tests lehnt Meidinger ab: Es "graut mir vor dem Gedanken, ein Deutsch-Abitur in Form einer Führerscheinprüfung zu konzipieren."

Auch Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hält nichts vom Multiple-Choice-Verfahren. "Für mich stellt das Abitur viel mehr dar als das reine Abfragen von Wissen." Insgesamt begrüße er aber das Streben nach einer vergleichbaren Abiturprüfung. Bayern sei bereits mit anderen Bundesländern auf dem Weg dorthin. 2014 würden Schüler in sieben deutschen Ländern erstmals gemeinsam gestellte Abituraufgaben lösen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das sagen Schüler zum G8-Abitur

(apd/pst)