Wissenschaftler und Stifter: Millionär Jan Philipp Reemtsma wird 60

Wissenschaftler und Stifter: Millionär Jan Philipp Reemtsma wird 60

Den meisten Deutschen ist Jan Philipp Reemtsma als Entführungsopfer ein Begriff. Aber als Wissenschaftler, Stifter und Initiator der Wehrmachtsausstellung erwarb sich der Millionär großen Respekt, sorgte aber auch für Debatten. Am Montag wird Reemtsma 60.

Die Entscheidung, die Zigarettenfabrik seines Vaters nicht zu übernehmen, hat Jan Philipp Reemtsma nie bereut. "Es war mir relativ früh klar, dass ich kein Unternehmer im klassischen Sinne sein werde, sondern eigene Lebenspläne verfolgen will", erinnert sich der Hamburger Multimillionär. "Mein Leben wird immer - so lange ich das kann - aus Lesen und Schreiben bestehen." Als Literaturprofessor, Soziologe und Stifter hat sich Reemtsma große Anerkennung erworben. Viele verbinden seinen Namen auch mit der umstrittenen Wehrmachtsausstellung. Und mit seiner dramatischen Entführung. An diesem Montag (26.) wird Reemtsma 60 Jahre alt.

"Jan Philipp Reemtsma ist einer der renommiertesten Intellektuellen Hamburgs und weit darüber hinaus", sagt Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler (parteilos). Als Autor habe er "unverzichtbare Anstöße für eine Vielzahl von wichtigen Debatten unserer Zeit" gegeben.

Literatur des 18. und 20. Jahrhunderts, Zivilisationstheorie und die Geschichte der menschlichen Destruktivität sind die wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte von Reemtsma. Er ist Honorarprofessor am Germanistischen Seminar Hamburg. Seit Anfang dieses Jahres vertritt Reemtsma Slowenien als Honorarkonsul in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Er setzte sich unter anderem für die Wiederherstellung des Gutes Oßmannstedt bei Weimar ein, auf dem der deutsche Aufklärer Christoph Martin Wieland einst lebte. Auch förderte er Editionen von Schriften, etwa von Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno. Wie entscheidet Reemtsma, ob er ein Vorhaben unterstützt? Einen Kriterienkatalog habe er dafür nicht, berichtet der Gründer der Stiftung für Wissenschaft und Kultur. Aber es müsse etwas sein, was im eigenen Leben einen Sinn mache und von dem er etwas verstehe.

"Geburtstag nicht wichtig"

Sein 60. Geburtstag hat für den eher nüchternen Wissenschaftler wenig Bedeutung. Ein großes Fest ist nicht geplant. "Ich verbringe den Tag wie andere auch - im Institut und zu Hause", sagt der Familienvater. Rückblende: Am 26. November 1952 wird Jan Philipp Reemtsma in Bonn geboren. Er stammt aus der zweiten Ehe des Hamburger Unternehmers Philipp Fürchtegott Reemtsma, die Familie hatte mit Marken wie "Ernte 23" oder "R6" ein Vermögen gemacht. Als der Vater stirbt, ist Jan Philipp Reemtsma erst sieben Jahre alt. Nach dem Abitur studiert er in Hamburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Mit 26 Jahren verkauft er seine Firmenanteile.

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Seit Studienzeiten ist er fasziniert vom Werk des Schriftstellers Arno Schmidt (1914-1979). Weil dieser vom Verkauf seiner avantgardistischen Texte nicht leben kann, unterstützt Reemtsma den herzkranken Autor mit 350 000 Mark. Zwei Jahre nach Schmidts Tod gründet Reemtsma die Arno Schmidt Stiftung, deren Leiter er bis heute ist. "Reemtsma ist ein Intellektueller, der bei Linken und Konservativen Kontroversen auslöst", sagt Historiker Erik Lindner, Autor des Buches "Die Reemtsmas". Der Wissenschaftler habe sich nie auf die Seite einer Partei geschlagen. "Er ist sehr eigenständig und eigensinnig im Denken."

"Habe Morddrohungen erhalten"

1984 baut Reemtsma das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) auf, dessen Vorstand er seither ist. Die rund 60 Mitarbeiter arbeiten vor allem zu den Themen Gewalt, Folter und Krieg. Zu hitzigen Debatten und Protesten führte 1995 die Ausstellung "Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". "Da ist viel Wut, Aggression und Dreck gekommen, bis hin zu Morddrohungen", sagt Reemtsma.

Jahrelang zieht die Schau durch Deutschland. 1999 sorgt sie erneut für Aufsehen, weil Experten bei den Fotos falsche Deutungen und Zuordnungen entdecken. Reemtsma lässt die Dokumenten-Schau überarbeiten. "Das ändert aber nichts daran, dass die These der Ausstellung immer richtig war", betont er. Für Hans-Ulrich Thamer, Geschichtsprofessor an der Universität Münster, hat die bis 2004 gezeigte Präsentation einen "Bewusstseinswandel" in Deutschland bewirkt. "Sie hat die Legende von der sauberen Wehrmacht zerstört."

Seine Entführung zerrt Reemtsma dann vollends ins Licht der Öffentlichkeit: 1996 wird er von mehreren Tätern verschleppt. 33 Tage muss er in Todesangst in einem Keller in Niedersachsen verbringen. Nach der Übergabe eines Lösegeldes von 30 Millionen Mark lassen die Entführer Reemtsma frei.

"Der Keller wird in meinem Leben bleiben", schreibt er 1997 in einem Buch über die Entführung. Drahtzieher des Verbrechens war Thomas Drach. Im Prozess sitzt Reemtsma als Nebenkläger im Gerichtssaal. Der Löwenanteil des Geldes ist noch immer verschwunden. Reemtsma hofft weiter, dass die Beute gefunden wird, damit Drach - wenn er seine Strafe abgesessen hat - mit dem Geld kein Luxusleben führen kann. "Diese Tat darf für mögliche Nachahmer nicht als Erfolg dastehen."

(dpa)
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