Gewalttat in Baden-Württemberg Polizist nach Mannheimer Messerangriff in künstlichem Koma

Update | Mannheim · In der Mannheimer Innenstadt greift ein Mann an einem Stand der islamkritischen Bewegung Pax Europa mehrere Menschen mit einem Messer an. Der verletzte Polizist ist ins künstliche Koma versetzt worden.

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Polizeieinsatz in Mannheim – Messerattacke auf Marktplatz

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Foto: dpa/Rene Priebe

Der bei einem Messerangriff während einer Veranstaltung der islamkritischen Bewegung Pax Europa in Mannheim verletzte Polizist ist in ein künstliches Koma versetzt worden. „Er schwebt weiterhin in Lebensgefahr“, sagte ein Sprecher des Landeskriminalamts am Samstag.

Verletzter Islamkritiker Stürzenberger meldet sich aus dem Krankenhaus

Nach der Messerattacke bei einer Veranstaltung der islamkritischen Bewegung Pax Europa (BPE) in Mannheim hat sich einer der Verletzten, BPE-Vorstandsmitglied Michael Stürzenberger, erneut aus dem Krankenhaus zu Wort gemeldet. „Es war richtig knapp gestern“, schrieb der 59-Jährige am Samstagvormittag in einer Nachricht mit Foto auf der Plattform Telegram. Er habe mehrere Stichverletzungen erlitten, eine davon im Oberschenkel habe „erheblichen Blutverlust“ verursacht. Auch im Gesicht sei er verletzt worden. Stürzenberger dankte allen beteiligten Ärzten sowie den Gesichtschirurgen, „die extra von einer Spezialklinik kamen“.

Wohnung in Hessen durchsucht

Nach dem Messerangriff in Mannheim ist eine Wohnung im hessischen Heppenheim durchsucht worden. Medienberichte, wonach es sich um die Wohnung des mutmaßlichen Täters handelte, bestätigte das Landeskriminalamt in Stuttgart zunächst nicht. Die Durchsuchung vom Freitagabend sei im Zusammenhang mit Ermittlungen zu Mannheim erfolgt, sagte ein Sprecher vom LKA.

Bei dem Angriff hatte ein Mann am Freitagvormittag auf dem Marktplatz in der Innenstadt mehrere Menschen verletzt, darunter einen Polizisten lebensgefährlich. Der Täter sei operiert worden und zurzeit nicht vernehmungsfähig. Das Motiv sei noch unklar. Nach übereinstimmenden Medienberichten handelt es sich um einen 25-Jährigen aus Herat in Afghanistan, der in Südhessen lebt.

Ermittler weiter auf der Suche nach dem Motiv

Einen Tag nach der Messerattacke versuchen die Ermittler weiter zu klären, wie es zu der Bluttat kommen konnte. „Was uns am meisten umtreibt, ist die Frage nach dem Motiv“, hieß es aus dem baden-württembergischen Landeskriminalamt. Aus dem LKA heißt es, zahlreiche Fragen seien noch ungeklärt und Gegenstand der Ermittlungen. „Was ist das für ein Messer? Woher stammt das? Hat er das Messer gekauft?“ Über die Antworten darauf wolle man auch herausfinden, ob der Festgenommene die Tat geplant oder ob es sich um einen spontanen Angriff gehandelt habe. Die für politische Delikte zuständige Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt in dem Fall.

Der Täter hatte am Freitagvormittag Teilnehmer einer islamkritischen Kundgebung auf dem Mannheimer Marktplatz angegriffen und sechs Menschen verletzt, darunter den Polizisten. Laut dem LKA-Sprecher handelt es sich bei allen Verletzten außer dem Beamten um Teilnehmer der Kundgebung. Ob sie auch Mitglieder von Pax Europa sind, sei noch unklar.

Nach Darstellung der Schatzmeisterin der Organisation, Stefanie Kizina, wurde auch das Vorstandsmitglied Michael Stürzenberger verletzt. Kizina sagte, die Attacke sei gezielt gegen den 59-Jährigen gerichtet gewesen, der mit einem Messer im Gesicht verletzt worden sei. Der „Bild“-Zeitung erläuterte sie: „Er wurde am Bein und im Gesicht getroffen, wird notoperiert.“ Stürzenberger ist einer der führenden Köpfe des Vereins.

Das ist „Pax Europa“

Pax Europa macht auf seiner Website keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus – beiden schreibt die Organisation unter anderem „aggressive Verachtung und Intoleranz“ zu. Der bayerische Verfassungsschutz schrieb in seinem Bericht für das Jahr 2022 über Stürzenberger und den bayerischen Landesverband von Pax Europa, es lägen „tatsächliche Anhaltspunkte“ dafür, dass diese „verfassungsschutzrelevante islamfeindliche Bestrebungen“ verfolgten, „die auf eine Abschaffung der Religionsfreiheit für Muslime gerichtet sind“. Im jüngsten Bericht der Behörde für 2023 tauchen Stürzenberger und die Organisation nicht mehr auf. Nach Angaben des Landesamts für Verfassungsschutz liegt das aber nur daran, dass diese weniger aktiv seien. Sowohl Stürzenberger als auch der Landesverband Bayern würden weiter beobachtet.

Video im Internet zeigt Messerattacke

Kurz nach dem Angriff kursierte ein Video von der Tat im Internet: Darauf zu sehen ist ein Mann, der auf bei der Veranstaltung auf mehrere Menschen einsticht. Umstehende rufen: „Das Messer weg“. Auf dem Video ist auch zu sehen, wie ein Beamter auf den Angreifer schießt. Mehrere Polizisten fixieren den Verdächtigen danach auf dem Boden. Nach Angaben von Polizei, Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt wurde ein Schuss abgegeben.

Helfender Polizist von hinten angegriffen

Der lebensbedrohlich verletzte Polizist hatte nach Angaben der Ermittler eingegriffen und einen Verletzten aus dem Gefahrenbereich gebracht, als er von dem Täter mehrmals von hinten in den Kopf gestochen wurde. Bei den übrigen fünf Verletzten handelt es sich demnach um Angehörige von Pax Europa.

„Es ist dem beherzten, mutigen, entschlossenen und hochprofessionellen Eingreifen der Polizei zu verdanken, dass es nicht noch mehr Verletzte gegeben hat“, sagte Strobl. Die Identität des Täters war zunächst ungeklärt. Der Mannheimer Marktplatz befindet sich inmitten der Innenstadt der 300.000-Einwohner-Stadt im Norden Baden-Württembergs.

Über das Ausmaß und die Schwere der Verletzungen der anderen Betroffenen könne bislang keine Aussage getroffen werden, hieß es von den Ermittlern. Rettungskräfte brachten die Verletzten in verschiedene Kliniken, wo sie zum Teil notoperiert wurden. Nach der Tat war der Marktplatz mit rot-weißem Flatterband abgesperrt worden. Sichtschutzwände wurden aufgebaut, eine nahe Straßenbahnstation gesperrt. Auch ein Rettungshubschrauber war im Einsatz, um die Verletzten zu versorgen. Ermittler sicherten Spuren.

Angriff löst Betroffenheit aus

Kanzler Scholz zeigte sich erschüttert. „Die Bilder aus Mannheim sind furchtbar“, schrieb er auf der Plattform X. „Mehrere Personen sind von einem Attentäter schwer verletzt worden. Meine Gedanken sind bei den Opfern. Gewalt ist absolut inakzeptabel in unserer Demokratie. Der Täter muss streng bestraft werden.“

Bundespräsident Steinmeier zeigte sich entrüstet. „Ich verurteile die Tat in Mannheim aufs Schärfste!“, schrieb seine Sprecherin Cerstin Gammelin in Steinmeiers Namen auf der Plattform X. „In unserer Demokratie darf kein Platz für Gewalt sein - Gewalt zerstört Demokratie. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.“

Auch Außenministerin Annalena Baerbock äußerte sich: Wer meine, irgendetwas für dieses Land zu tun, indem er jemandem ein Messer in den Körper ramme, der irre gewaltig“, sagte Baerbock am Freitag in Hamburg bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen. „Hass und Hetze ist nicht zu tolerieren, egal aus welcher Richtung.“

Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) bezeichnete den Messerangriff als Terrorattacke. Kanzler Olaf Scholz sprach von einem Attentäter und verurteilte den Angriff, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich bestürzt.

„Unsere Gedanken sind bei allen, die durch den Messerangriff verletzt worden sind, meine Gedanken als Innenminister natürlich auch vor allem bei dem verletzten Polizeikollegen“, sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) der „Bild“-Zeitung.

Grünen-Chef Omid Nouripour hat nach dem Messerangriff auf Islamkritiker in Mannheim zu einem demokratischen Schulterschluss aufgerufen. „Wir werden nicht zulassen, dass die demokratische Kultur in diesem Land von Gewalt kaputt gemacht wird, unabhängig davon, ob es von Islamisten kommt oder von Rechtsextremen“, sagte der Parteichef am Samstag am Rande eines kleinen Parteitags in Potsdam. „Für Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ist kein Platz in diesem Land.“ Man werde jetzt den Schulterschluss aller Demokraten suchen, um diese Kultur zu verteidigen. Nouripour bezeichnete die Attacke in der Mannheimer Innenstadt als abscheulich und dankte der Polizei.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

(aku/kkt/dpa)