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"Geschichte der Einheit": Merkel präsentiert Lothar de Maizières Buch

"Geschichte der Einheit" : Merkel präsentiert Lothar de Maizières Buch

Berlin (RPO). Vor zwanzig Jahren war sie seine Sprecherin - am Mittwoch ist sie als seine Fürsprecherin aufgetreten: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte in einer Berliner Buchhandlung Lothar de Maizières Buch "Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen" vor. Darin schildert der letzte DDR-Ministerpräsident die elf Monate zwischen Mauerfall und Vereinigung, eine Zeit, die auch für die Bundeskanzlerin unvergesslich sein dürfte.

In ihren Worten schwang Anerkennung für de Maizières Leistung während des Vereinigungsprozesses mit, Anerkennung aber gleichfalls für die Anstrengung, die er unternommen habe, um die letzten Monate der DDR aus östlicher Perspektive darzustellen. Schon der etwas sperrige Titel drückte für Merkel besonders "treffend" die "tiefe Spaltung zwischen den Menschen und dem System in der DDR aus". Die Kanzlerin bekräftigte ihre Überzeugung, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, der einen "perfiden Druck" auf alle ausgeübt habe, die dort lebten.

Gleichzeitig bezeichnete Merkel es als "zutiefst menschlich", dass Widersprüche nicht "von einem Tag auf den anderen" abgelegt werden konnten und hob vor allem den Gegensatz zwischen der Ablehnung des Staats und dem "bescheidenen Glück" hervor, das es auch gegeben habe. Das Leben könne nicht ausschließlich auf das System reduziert werden, sagte sie und wurde ungewöhnlich persönlich: "Ich kann das von mir persönlich genauso berichten, wie viele andere auch: Dann hätte ich nicht meine Familie gehabt, die für mich der Ort der Geborgenheit und Offenheit war." Im privaten Raum hätten die DDR-Bürger die gleichen Werte gelebt wie die Bundesbürger, was den Vollzug der Einheit befördert habe.

Merkel lobte die Leistung de Maizières, den geordneten Übergang zur Einheit zu ermöglichen. "Was das von ihm abverlangt hat, konnte ich als stellvertretende Regierungssprecherin jeden Tag erleben und spüren", sagte sie in Anspielung auf ihr Amt in der letzten DDR-Regierung. Dann zitierte sie seine Auffassung von Politik, die im wesentlichen das Schaffen von Recht sei, "das Ermöglichen und Ordnen der menschlichen Freiheit mit Hilfe des Gesetzes". Diese Formel, betonte sie, gelte weit über den Übergang der DDR zur BRD hinaus.

In einem Punkt teilte sie die Auffassung ihres einstigen Vorgesetzten allerdings nicht: Er betrifft den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), den de Maizière offenbar an einigen Stellen des Buchs kritisiert. Hier wurde Merkel wieder ganz Moderatorin und bezeichnete es als "einen Glücksfall der deutschen Geschichte", dass sowohl de Maizière wie Kohl die Geschichte gelenkt hätten - jeder habe "auf seine Weise selbstbewusst die Gunst der Stunde genutzt und die Weichen richtig gestellt".

Heute schätzten die allermeisten Menschen, so Merkel, in den neuen Ländern ihre persönliche Situation "sehr positiv" ein, wozu ein erfreulicher Trend auf dem Arbeitsmarkt beitrage. Ein Erfolg, der mit de Maizières Handeln seinen Anfang genommen habe. Sie bezeichnete das Buch abschließend als "Dokument ostdeutscher Selbsterkenntnis", das auch Widerspruch herausfordere und damit "gelebte Demokratie" darstelle.

De Maizière nahm zwar nicht zu Merkels Bemerkungen über sein Verhältnis zum früheren Bundeskanzler Stellung, wies aber Berichte zurück, denen zufolge er einen Putsch gegen Kohl geplant hatte. "Ein Putsch? Nein, das ist nicht meine Art", sagte er. Wer einen Putsch mache, müsse vorher seine Truppen zählen und sehen, ob er ein Winterquartier habe, sonst gehe es ihm wie Napoleon vor Moskau. Eine Bemerkung, die offen ließ, ob er sich vor zwanzig Jahren keine Chancen ausgerechent hatte, oder am Mittwoch schlicht die im Saal Anwesenden erheitern wollte.

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(AFP)