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Menstruation: Aktivistinnen kämpfen gegen Tabuisierung

Aktivistinnen für die Periode : „Ich mag meine Menstruation“

Die meisten Frauen und Mädchen bluten regelmäßig. Das ist ganz normal. Darüber offen reden eher nicht. Das wollen Aktivistinnen ändern. Zum Beispiel mit einem Menstruationsladen.

Früher hat sich Stefanie Wagner geschämt, wenn sie Binden kaufen musste. Sie hat die Packungen immer ganz unten im Einkaufswagen versteckt und auf dem Kassenband möglichst viel andere Sachen darüber gestapelt. Es sollte bloß keiner sehen, was sie da kauft. „Ich fand das ultra peinlich“, erinnert sich die 37-Jährige. Heute sind Binden quasi ihr Beruf.

Vor einigen Monaten hat Wagner einen Menstruationsladen eröffnet. „Es ist der einzige weltweit“, sagt sie. Und dieser steht nicht in einer hippen Metropole wie Berlin, London oder New York. Nein, mitten in der Fußgängerzone von Ansbach, einem knapp 42.000 Einwohner-Ort in Mittelfranken, bietet sie ausschließlich handgefertigte Stoffbinden in bunten Farben, Menstruationstassen und Periodenslips an. Schnell war das Geschäft Stadtgespräch und Wagner damit am Ziel: „Meine wichtigste Mission ist, die Menstruation ins Gespräch zu bringen.“

Die Periode ist eine natürliche Sache – offen darüber zu reden jedoch nicht. Das fängt schon bei Umschreibungen an: „Erdbeerwoche“ sagen viele, „Besuch von Tante Rosa“ oder „auf der roten Welle surfen“. Und wenn man einen Tampon braucht, fragt man leise im Büro die Kolleginnen – damit es keiner mitbekommt. „Frauen wurde lange eingetrichtert, dass die Menstruation eklig und unhygienisch ist“, meint Wagner dazu. Sie möchte, dass sich das ändert – und ist damit nicht die einzige.

In den sozialen Medien kämpfen Frauen unter Hashtags wie #periodproud und #iloveperiod gegen das Schamgefühl rund um die Menstruation, posten lustige Cartoons und künstlerische Bilder von Blutflecken – was für manche eher ein ungewohnter Anblick ist. Slips und Binden mit roten Flecken kommen in der Werbung für Menstruationsprodukte so gut wie nicht vor, zur Veranschaulichung dient meist eine klare blaue Flüssigkeit.

„Die Werbesprache ist eindeutig tabuisierend“, sagt eine Berliner Aktivistin, die sich Franka Frei nennt. „Mit den Produkten versuchen die Hersteller, die Menstruation so unsichtbar wie möglich zu machen.“ Schon Mädchen lernten dadurch, dass das etwas sei, das man für sich behalte. Die 24-Jährige hat ihre Bachelorarbeit über das Tabuthema Menstruation geschrieben und dabei erlebt, wie stark dieses in der Gesellschaft verhaftet ist. „Erst habe ich an der Hochschule niemanden gefunden, der meine Arbeit betreuen wollte.“

Frei argumentiert, dass es Schaden anrichte, nicht über die Menstruation zu sprechen, und beschreibt das in ihrem gerade erschienenen Buch „Periode ist politisch“. Dafür ist sie um die Welt gereist und hat mit gleichgesinnten Menstruationsaktivistinnen gesprochen. „Die Menstruation und der Zyklus liefern wichtige Informationen über unseren Körper. Wir haben aber gar nicht gelernt, darauf zu achten.“ Und auch in der medizinischen Forschung bestehen ihrer Ansicht nach große Lücken: So wirkten Medikamente bei Frauen anders als bei Männern, weil der Zyklus ausgeblendet werde.

Dass Frauen sich für ihre Menstruation schämen, hat der Hannoveraner Frauenarzt Christian Albring dagegen selten erlebt. „Bei Migrantinnen ist das Reden über die monatliche Blutung aus religiösen Gründen und wegen mangelnder Sexualaufklärung eher ein Tabuthema“, sagt Albring, der auch Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte ist. „Nicht alles jedoch, was nicht breit in der Öffentlichkeit behandelt wird, ist ein Tabuthema. Die Menstruation ist Normalität, hat aber mit dem Intimbereich zu tun.“ Frauen sprechen seiner Erfahrung nach darüber deshalb eher mit ihren Freundinnen, Müttern oder Töchtern.

Mit der Diskussion um die Steuersenkung für Tampons, Binden und Co. ist das Thema in der letzten Zeit mehr in den öffentlichen Fokus gerückt. „Es hat auf jeden Fall die Gesellschaft sensibilisiert. Wir sind aber noch weit von einer roten Revolution entfernt“, meint Franka Frei. Sie fordert unter anderem, dass es in Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz kostenlose Produkte für die Monatshygiene gibt – wie Klopapier ganz selbstverständlich auch.

Stefanie Wagner hat inzwischen Frieden mit der Menstruation geschlossen. Binden kauft sie allerdings nicht mehr. Sie näht diese stattdessen selbst und verkauft sie als umweltfreundliche Alternative zu den Wegwerfprodukten im Internet und ihrem Laden. Heute sagt sie: „Ich mag meine Menstruation. Ich freue mich jeden Monat drauf.“

(c-st/dpa)