Von allen Ämtern zurückgetreten: Margot Käßmann - die öffentliche Frau

Von allen Ämtern zurückgetreten : Margot Käßmann - die öffentliche Frau

Düsseldorf (RP). Trunkenheit am Steuer: Margot Käßmann hat ein zweites, ein privates Gesicht, das nur sehr wenige kennen. Schicksalsschläge und harsche Kritik an ihren Afghanistan-Äußerungen haben ihr wohl mehr zugesetzt, als sie sich und anderen eingestehen wollte.

Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der immer gut ist für einen moralischen Trompetenstoß, hatte schon mal vorsorglich vor Häme gewarnt. Es war überflüssig. Die Menschen haben ein viel feineres Gespür für Tragik, als ein Moraltrompeter ihnen zuzutrauen in der Lage ist.

Es gibt keine Häme über den Rücktritt von Margot Käßmann. Nur Sprachlosigkeit, Verblüffung, Rührung. Diese Frau, die druckreif reden kann, die den Glanz akademischer Intellektualität ausstrahlt und auf dem letzten Kirchentag in Bremen mehr Besucher als die Kanzlerin anzog ­- diese Frau muss nun so glanzlos aus dem Amt scheiden. Trunkenheit am Steuer ­- wie das schon klingt.

Das Ausmaß der Überraschung auch bei engen Weggefährten ist ein Fingerzeig auf die tragische Anmutung dieser Geschichte. Es gibt offenbar eine viel stärkere Diskrepanz zwischen der öffentlichen und der privaten Margot Käßmann, als bislang zu erahnen war. Käßmann, die Beredte, hatte offenbar ein zweites Gesicht, das sie sorgsam vor der Öffentlichkeit abgeschirmt hat: Käßmann, die Unbekannte, die Unsichere, die Verstörte. Krebserkrankung, Scheidung, harsche Kritik an ihren verunglückten Afghanistan-Äußerungen: Private und berufliche Nackenschläge haben ihr wohl schwer zugesetzt.

Fassaden sind schön, tragen aber nicht

Die Haltung, die sie beruflich zu wahren hatte, dieses ewige Druckfrisch-Reden vor der Kamera, dieses In-sich-Ruhende ihrer Erscheinung ist wohl mehr und mehr zur Fassade geworden. Fassaden sind schön, tragen aber nicht: Margot Käßmann musste wohl mehr und mehr eine ruhige Stärke repräsentieren, die sie innerlich immer weniger hatte.

Es gab Indizien, und sie betrafen ihre Sprache, die für Theologen mehr als ein Werkzeug ist, sie ist Licht und Segen der Welt. Käßmanns Auftritt auf dem Kirchentag in Bremen im Mai 2009 etwa war nur auf den ersten Blick glanzvoll. Mehr als 10.000 Menschen waren gekommen, ihre Bibelmeditation über einen der schönsten Texte der Weltliteratur zu hören: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Käßmann führte die Menschen in der riesigen Halle sicher von Applaus-Satz zu Applaus-Satz: "Wer nur Zerstörung sieht, kann sich nicht mehr über den Sonnenstrahl freuen", war einer dieser Sätze, sauber durchkalkuliert als Positiv-Punkt. Aber eben dies war auch das Urteil: Applaus-Sätze sind zu sauber, zu berechnend, am Ende zu trivial ­ sie verhallen mit dem letzten Klatscher.

Ein verstörendes Bekenntnis

Käßmann, die Rhetorikerin. Sie hat mehr und mehr den Instinkt dafür verloren, wann sich Rhetorik gefährlich weit von der Wirklichkeit entfernt. Ihre Afghanistan-Äußerungen gehören in diese Linie. Ihre Verteidiger sagen bis heute, dass dieser Satz "nichts ist gut in Afghanistan" ja nur die Pointe einer rhetorischen durchgefeilten Passage war.

Ja, das stimmt, aber das war ja exakt auch das Schlimme: dass eine Predigerin im Angesicht des Krieges Pointen drechselte. Afghanistan ist ein furchtbares Feld für Ethiker: Mädchen, die wieder in die Schule gehen; deutsche Soldaten, die das mit der Waffe erkämpfen, dafür auch töten müssen. Käßmanns Pointen waren zu dünn, um diesem ethische Dilemma auch nur im Ansatz gerecht zu werden.

Sie selbst sagte später überrascht: "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass meine Predigt solche Reaktionen auslöst." Was sich nach Arglosigkeit anhört, ist in Wahrheit ein verstörendes Bekenntnis: Wie ernst nimmt jemand seine eigenen Worte, wenn er so überrascht ist über die Reaktionen? In Wahrheit hatte ihre Sprache längst etwas Fassadenhaftes, und die Reaktionen darauf waren bitter. Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe ätzte entnervt, niemand hindere Frau Käßmann daran, sich mit den Taliban in ein Zelt zu setzen und Rituale mit Gebeten und Kerzen zu entwickeln.

Geachtet, bewundert, aber nicht gerade geliebt

Dieser Ton muss für Käßmann, der bis dahin so vieles geglückt war, ein Schock gewesen sein. Auch gestern war dies spürbar, als sie die harsche Kritik an ihrer Predigt erwähnte. Vielleicht war diese Debatte der eigentliche Bruch in einer Vita, die bis dahin nur die Richtungen "vorwärts" und "aufwärts" kannte.

Promotion, Pfarrerin, Studienleiterin, mit 36 Jahren der Sprung in die bundesweite Öffentlichkeit, als sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages wurde. Pressekonferenzen, Fernsehen, Radio, Zeitung - ­das war die Bühne, auf der sie sich fortan bewegte. Und zwar so sicher, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Es war auch eine Falle.

Denn seit dieser Zeit ist sie, ob sie es wollte oder nicht, immer beides: private Frau und Bühnenfigur, die vor Publikum zu bestehen hatte. Und der Druck, ihre Bühnenexistenz zu perfektionieren, wuchs ständig. 1999 Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche, dann Ratsvorsitzende der EKD. Ihr Aufstieg zum Medienstar ist in der Kirche nicht nur mit Begeisterung aufgenommen worden. Die Effizienz ihrer Öffentlichkeitsarbeit wurde mit Argwohn betrachtet, man darf sagen: Käßmann wird geachtet, bewundert, aber nicht gerade geliebt.

Parallel dazu kamen die privaten Katastrophen: Krankheit, Scheidung. Bei einem Interview mit dieser Zeitung im Juni vergangenen Jahres war spürbar, wie sehr sie angegriffen war. Schlimmer als die Krankheit sei die Trennung von ihrem Mann gewesen, hatte sie gesagt: "Das war für mich schwer, mir selbst in die Augen zu schauen und mir zu sagen: Du musst jetzt akzeptieren, dass es vorbei ist."

Nun muss sie akzeptieren, dass die öffentliche Existenz, die sie so lange so sicher ausgefüllt hat, an ein Ende gekommen ist. Überblickt man ihre Geschichte: vielleicht ein Segen und ein Weg zurück zu sich selbst. Ihr Leitwort ­ immer wieder schön zu hören ­ mag ihr helfen: "Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand."

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2010: Margot Käßmann erklärt ihren Rücktritt

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