Experte zu Germanwings-Gutachten: "Man findet immer etwas, das nicht stimmt"

Experte zu Germanwings-Gutachten : "Man findet immer etwas, das nicht stimmt"

Auf einer Pressekonferenz haben Günter Lubitz und Flugexperte Tim van Beveren ein Gutachten zum Absturz der Maschine vorgestellt. Flugsicherheitsexperte Großbongardt erklärt, was davon zu halten ist.

Herr Großbongardt, die Pressekonferenz von Günter Lubitz und Tim van Beveren hat über zwei Stunden gedauert. Was ist Ihr Eindruck von den Informationen, die dabei veröffentlicht worden sind?

Foto: rtr, FAB/joh

Heinrich Großbongardt Was mir dabei gefehlt hat, war eine echte These. Eine alternative Theorie, die schlüssig erklärt, was damals passiert ist. Aber dem war nicht so. Stattdessen wurden unheimlich viele Fakten präsentiert, die für den Hergang ohne Relevanz sind.

Welche zum Beispiel?

Großbongardt Ob das Keypad für den Zugang zum Cockpit funktioniert hat oder nicht, ist am Ende irrelevant für die Frage, wie der Absturzablauf war. Das gleiche dafür, ob die Papiere des Flugzeugs aktuell waren oder nicht.

In der Pressekonferenz wurde bekannt gegeben, dass die Flugtauglichkeitspapiere des Flugzeugs nicht mehr aktuell waren. Aber das kann doch relevant sein, wenn es bedeutet, dass der letzte Sicherheitscheck zu lange zurück liegt.

Großbongardt Das stimmt, dann könnte es relevant sein. Wir wissen aber, dass das Flugzeug seine letzte Prüfung rechtzeitig hatte. Nur die Papiere waren eben falsch ausgestellt - und davon fällt kein Flugzeug vom Himmel. Mein Auto fährt ja auch nicht einfach vor den Baum, nur weil ich meine Bescheinigung für den TÜV noch nicht abgeholt habe.

Van Beveren beschreibt auch, dass an dem Tag so genannte Clear Air Turbulences herrschten. Also Winde, die mit dem bloßen Auge und von Computern nicht erkannt werden, die aber bis zu 540 Stundenkilometer haben und Luftlöcher verursachen können. Seiner Meinung nach könnte es sein, dass Lubitz nur deswegen einen Sinkflug eingeleitet hat.

Großbongardt Dass es diese Turbulenzen gab, stimmt. Und es gab auch andere Piloten, die deswegen ihre Flugroute verändert haben. Nur das erklärt nicht, wieso Lubitz den Sinkflug nicht wieder abgestellt hat. Der Sinkflug war auf 100 Fuß eingestellt. Das sind 30 Meter. Das ist sehr niedrig. Es würde Sinn machen, anstatt auf 38.000 Fuß auf 25.000 Fuß fliegen zu wollen. Aber dem war nicht so.

Kann das nicht ebenfalls an den Turbulenzen gelegen haben?

Großbongardt Selbst wenn dem so wäre - sagen wir, durch die Turbulenzen hat sich das Rädchen mit den Höhenmetern verstellt - es gibt keinen Grund, warum der Pilot bei diesem Kurs bleiben sollte, wenn er den Bereich mit Turbulenzen verlassen hat. Das macht einfach keinen Sinn.

Ein anderes Problem bei den Untersuchungen ist laut van Beveren, dass laut Flugdatenschreiber gleichzeitig im Open Descent Modus und im Descent Modus geflogen worden wäre. Also gleichzeitig im automatischen Sinkflug und im manuellen Sinkflug. Angeblich schließt sich das technisch aber aus und würde zeigen, dass mit den Daten etwas nicht stimmt.

Großbongardt Es stimmt, dass sich das ausschließt. Man kann in diesen beiden Modi nicht gleichzeitig fliegen. Warum der Flugschreiber das so aufgezeichnet hat, kann ich allerdings nicht erklären. Das müsste der Hersteller tun.

Heißt das, der Flug könnte am Ende doch ganz anders gelaufen sein?

Großbongardt Nein. Und das ist genau der Punkt. Ein Flugschreiber notiert über 600 verschiedene Werte und es ist einfach nicht möglich, sie allesamt zu verändern. Die Clear Air Turbulences zum Beispiel sind aber in diesen Aufzeichnungen nicht zu finden.

Laut van Beveren liegt das daran, dass in den Daten die Linie der Beschleunigungskräfte, die auf das Flugzeug gewirkt haben, nicht zu sehen sind.

Großbongardt Das stimmt. Aber selbst dann gibt es so viele andere Parameter, die zeigen müssten, dass das Flugzeug durchgeschüttelt wurde. Experten hätten das an den restlichen Daten erkannt.

Auch in Bezug auf die Experten hatte van Beveren Kritik. Er sagte, es wurden keine Psychologen zu Rate gezogen, um die Stimmaufnahme aus dem Cockpit zu analysieren. Stattdessen wurden nur Ingenieure befragt, die aber vom menschlichen Verhalten keine Ahnung haben.

Großbongardt Dazu muss man sagen, dass diese Experten-Teams riesig sind. Insbesondere, wenn es ein Fall ist, der mehrere Länder betrifft. Es sind weit mehr als zwei Personen. Außerdem macht ein Psychologe nur dann Sinn, wenn Dialoge ausgewertet werden. Aber in diesem Fall wurde ja kein Wort gesprochen. Und die Geräusche, die zu hören waren, wurden unter anderem mit einem speziellen Computerprogramm darauf untersucht, was ihr Ursprung ist. Das ist also durchaus eine technische Sache. Das alles grenzt schon sehr an Verschwörung.

Wie meinen Sie das?

Großbongardt Sagen wir mal, der Absturz hätte tatsächlich eine natürlich Ursache gehabt, dann muss man sich fragen, wer ein Motiv gehabt haben sollte, Lubitz diesen Absturz in die Schuhe zu schieben. Und über dieses Motiv müssten sich mehrere Behörden über die Landesgrenzen hinaus einig gewesen sein. Ganz abgesehen davon, dass die Radardaten ungefähr zwei Stunden nach dem Flug öffentlich zugänglich waren und zwar von Flightradar24, also einer unabhängigen Quelle, die in dem Fall keine Interessen verfolgt. Und diese Daten zeigen eindeutig, dass die Maschine in einen kontrollierten Sinkflug mit leichter Kursänderung gegangen ist.

Für Sie hat die Pressekonferenz also nichts verändert?

Großbongardt Überlegen Sie mal, wie viele Interviews da geführt wurden und wie viele Daten überprüft wurden. Bei einer solchen Informationsflut findet man automatisch etwas, das nicht stimmt. Das heißt aber nicht, dass es wirklich etwas zu bedeuten hat. Die französische Staatsanwaltschaft hat Dutzende Szenarien durchgespielt und ist immer wieder auf das selbe Ergebnis gekommen. Und man kann am Flugschreiber nicht so viele Parameter fälschen, dass ein völlig anderes Bild herauskommt.

Das Gespräch führte Susanne Hamann.

(ham)
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