Ab Donnerstag: Lokführer wollen auch Personenverkehr lahmlegen

Ab Donnerstag : Lokführer wollen auch Personenverkehr lahmlegen

Berlin/Frankfurt (RPO). Bahnreisende müssen am Donnerstagmorgen viel Zeit mitbringen: Die Lokführer-Gewerkschaft GDL will sechs Stunden streiken und den Personenverkehr bundesweit lahmlegen.

Der Ausstand solle von 4.00 bis 10.00 Uhr dauern, teilte die GDL am Mittwoch mit. Ein weiterer Ausstand im Güterverkehr begann bereits am Mittwochabend um 20.00 Uhr und soll gemeinsam mit dem Streik im Personenverkehr enden. Die Deutsche Bahn (DB) kritisierte den bislang heftigsten Streik im laufenden Tarifstreit.

Erfahrungsgemäß führt ein Bahnstreik am Morgen zu Verspätungen und Ausfällen am ganzen Tag. Nach Auskunft des GDL-Sprechers Stefan Mousiol kann der Streik im Güterverkehr ab Mittwochabend bereits Auswirkungen auf den Personenverkehr haben. Die Lokführer strebten zwar an, die nächsten Haltepunkte anzufahren. Es könne aber zu Rückstaus auf die Strecken kommen.

Am Montag hatte die GDL bekannt gegeben, dass mehr als 90 Prozent ihrer Mitglieder in einer Urabstimmung für einen unbefristeten Streik votierten. Die Gewerkschaft kämpft für einen einheitlichen Tarifvertrag für alle Lokführer, bessere Absicherung bei Berufsunfähigkeit und höhere Gehälter.

"Seit Bekanntgabe des Ergebnisses der Urabstimmung hat sich auf der Arbeitgeberseite nichts bewegt", sagte GDL-Chef Claus Weselsky. Die Arbeitgeber müssten ein "verhandlungsfähiges Angebot vorlegen". Von den neuen Streiks werde auch die Berliner S-Bahn nicht ausgenommen. Der Gewerkschafter drohte zugleich mit weiteren Streiks: "Wenn die Arbeitgeber die Auseinandersetzung weiterhin suchen, so werden wir sie nicht enttäuschen."

Deutsche Bahn nennt Streiks verantwortungslos

DB-Personalvorstand Ulrich Weber kritisierte die erneute Verschärfung zulasten der Bahn und ihrer Kunden als verantwortungslos. Der Streik treffe die Falschen und sei "das untauglichste aller Mittel, um bei den Verhandlungen voranzukommen", sagte Weber. Statt weiter zu verhandeln, verweigere sich die GDL seit Wochen und setze auf einen Eskalationskurs.

Weber widersprach der Darstellung der GDL, die DB habe keine neuen Angebote vorgelegt. Es seien sehr wohl verbesserte Angebote gemacht worden, doch die Gewerkschaft habe nicht darauf reagiert. Auf den Streik wolle die DB mit Hunderten von zusätzlichen Servicemitarbeitern reagieren, um die Folgen für die Kunden abzufedern.

Einer der größeren Wettbewerber der Deutschen Bahn im Güterverkehr, Captrain Deutschland, erwartet nach Angaben seiner Sprecherin Romy Mothes "wenn überhaupt, nur sehr geringe Auswirkungen" des GDL-Streiks auf die Unternehmen. Captrain Deutschland ist ein Unternehmen der französischen SNCF-Geodis-Gruppe, deren Lokführer laut Mothes überwiegend in der GDL-Konkurrenz EVG organisiert sind.

Streik im Güterverkehr kostet viele Millionen Euro täglich

Die deutsche Exportwirtschaft fürchtet bei einem Streik der Lokführer Einbußen in Milliardenhöhe. Stünden die Züge fünf Tage still, koste das täglich an die 100 Millionen Euro, sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner. Ein Streik von zwei Wochen Dauer verursache Einbußen von 200 Millionen Euro täglich. "Sollten die Ausstände noch länger dauern, können wir alle Prognosen vergessen", sagte Börner.

Der BGA erwartet bislang für das laufende Jahr ein Plus bei den Exporten um nominal bis zu 9 Prozent auf 1.046 Milliarden Euro. Die Importe sollen mit einem Zuwachs von rund 12 Prozent auf 903 Milliarden Euro noch stärker zulegen. Die Auswirkungen der Streiks auf die Wirtschaft würden allerdings von Pendlern so nicht wahrgenommen, sagte Börner weiter. "Wenn die S-Bahnen nicht fahren, ist es unangenehm; wenn die Güterzüge nicht fahren, ist es eine Katastrophe."

GDL geht von hoher Streikbeteiligung aus

Seit 20.00 Uhr werde der Güterverkehr bei Deutscher Bahn und ihren Wettbewerbern bestreikt, sagte ein Sprecher der Lokführer-Gewerkschaft GDL in Frankfurt am Main. "Wir gehen von einer hohen Beteiligung aus." Ab 04.00 Uhr morgens am Donnerstag soll auch der Personenverkehr bestreikt werden. Der Streik soll wie im Güterverkehr bis 10.00 Uhr vormittags dauern.

Berufspendler und Schüler müssten damit rechnen, nicht wie gewohnt mit dem Zug zur Arbeit oder zur Schule fahren zu können, erklärte die Deutsche Bahn. Sie bedauerte "diese drastischen Einschränkungen" für ihre Kunden. Das Unternehmen setzte nach eigenen Angaben zusätzlich mehrere hundert Mitarbeiter ein, um die Streikauswirkungen abzufedern, unter anderem in der Reisenden-Information. Reisende können sich bei der Bahn unter der kostenlosen Servicenummer (08000 99 66 33) oder im Internet über die Folgen des Streiks informieren.

Die GDL fordert von der Deutschen Bahn sowie deren sechs wichtigsten Konkurrenten (G-6) einen bundesweit gültigen Flächentarifvertrag für Lokführer bei allen Unternehmen im Nah-, Fern- und Güterverkehr. Ziele sind ein einheitliches Mindesteinkommen auf dem Niveau des Marktführers Deutsche Bahn sowie weitere einheitliche Regelungen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Umfrage: Bahnkunden bereiten sich auf den Streik vor

(apd/AFP/sdr)