Krawalle in Chemnitz: Das sagt Gewaltforscher Andreas Zick

Gewaltforscher zu Chemnitz : „Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“

In Chemnitz droht eine weitere Eskalation der Gewalt, wenn Staat und Zivilgesellschaft nicht wirksamer eingreifen. Zu diesem Urteil kommt der Gewaltforscher Andreas Zick. Wir haben mit über die rechte Szene in Sachsen gesprochen.

Wieso konnte die Gewalt gegen Ausländer in Chemnitz derart eskalieren und was können Politiker und Zivilgesellschaft tun, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Darüber haben wir mit dem Gewalt- und Konfliktforscher Andreas Zick von der Uni Bielefeld gesprochen.

Herr Zick, welches Wort würden Sie am ehesten verwenden, wenn Sie die Vorfälle in Chemnitz beschreiben: Unruhen, Krawall oder Ausschreitungen?

Andreas Zick Ich würde es Krawall nennen. Hauptsache nicht „Mob“. Denn das gibt ein falsches Bild. Ein Mob ist eine Gruppe von Menschen, die sich komplett irrational verhalten. Die Rechtsextremen in Chemnitz sind eine hoch organisierte Gruppierung mit einem großen Netzwerk und einer gemeinsamen Identität. Ihnen ist daran gelegen, die Proteste als Aufstand zu inszenieren. Da muss man jetzt aufpassen, dass das keiner wird.

Wie würden Sie das Gewaltpotenzial in Chemnitz derzeit einschätzen?

Zick Wir befinden uns schon auf einer sehr hohen Eskalationsstufe. Die Konflikte in den Themenbereichen Zuwanderung, Nation und einem gewissen Gefühl der Missachtung haben sich verhärtet. Es gab Übergriffe auf Asylbewerberheime, es gab Drohgebärden aus der Szene. Auch die Hetzjagd auf Ausländer am Wochenende ist eine Drohung gewesen. Jetzt stellt sich die Frage, ob der Konflikt auf die nächste Stufe geht. Dann stünden massive Angriffe auf Polizisten, Gegendemonstranten und Menschen, die nach Meinung der Extremisten fremd sind. Die Krawalle deuten auf eine weitere Radikalisierung hin. Die Szene verbucht das teilweise schon als Erfolg.

Wir haben mehrere ähnliche Straftaten erlebt. In Kandel wurde ein 15-jähriges Mädchen erstochen. Ein afghanischer Flüchtling steht derzeit vor Gericht. In Offenburg wurde ein Arzt in seiner Praxis erstochen. Tatverdächtig ist ein Somalier. Wieso gab es dort nicht solche Krawalle?

Zick Für mich ist das nicht überraschend, dass die Situation in Chemnitz nach dem Tötungsdelikt eskaliert ist. Die dortige Szene hat ein Eskalationsinteresse und auch das Potenzial – und das bereits seit Jahren. Dort hat sich der Rechtsextremismus in den 1990er Jahren nach der Wende verankert. Der Straßenkampf ist in der dortigen Szene akzeptiert. Sie kämpft um Raum und um öffentliche Präsenz. Auch der Rechtspopulismus hat sich bereits vor der Zuwanderungsbewegung 2015 dort verfestigt und mit Pegida weiteren Auftrieb erhalten. Dort herrscht die Auffassung vor ‚Wir sind die Vollstrecker des Volkswillens‘.

Aber die Zuwanderung geht doch momentan zurück. Warum kommen die Krawalle so zeitversetzt?

Zick Die politische Lage hat sich beruhigt. Aber das motiviert die rechtsextremen Gruppierungen und Hooligans oft nochmal, ihre Bewegung zu sammeln. Was die Szene so extrem macht, sind ihre Ideen, dass sie sich im Widerstand befindet – gegen Merkel, gegen die Medien, gegen die Polizei. Die AfD hat das in ihrem Wahlkampfslogan auf die Formulierung gebracht: ‚Hol dir dein Land zurück‘. Die rechtsextremen Kampfgruppen nehmen diese Stimmung als Impuls, um zu zeigen ‚Wir tun etwas, worüber die anderen nur reden“.

Als Beobachter hatte man das Gefühl, da schaukelt sich sehr schnell etwas hoch.

Zick Bereits Minuten nach dem Tötungsdelikt waren die ersten Protestler da. Normalerweise sind die ersten Reaktionen auf solche Taten erst einmal Trauer und Schock. Doch die Rechtsextremen haben sofort mit Wut reagiert und sich dann in ihren Aktionen sehr schnell radikalisiert. Dazu muss man sagen, dass gerade in der Hooligan-Szene, die sich in Chemnitz mit der rechtsextremen Szene überschneidet, die Hetzjagd eine geübte Strategie ist. Die wissen teilweise sehr genau, wie sie die Polizei abschütteln. In Chemnitz haben wir außerdem eine uralte Konfliktsituation zwischen Rechten und Linken. Die Rechten nutzen das Tötungsdelikt, um Linke anzugreifen.

Es gibt viele Stimmen, die betonen, unter den Protestlern gebe es nicht nur Rechte und unter den Gegendemonstranten nicht nur Linke. Ist das so?

Zick Was wir sehen, ist die Spitze des Eisbergs. In der Bevölkerung gibt es eine weit verbreitete Stimmung gegen Migranten und eine Affinität für Populismus. Man muss jetzt sehen, wie viele Menschen sich hinter denen befinden, die auf der Straße kämpfen. Die rechtsextremistische Szene ist immer schon sehr gut vernetzt und sehr mobil gewesen. Da ist noch mehr Potenzial vorhanden.

Was müsste man tun?

Zick Es müsste eine alternative Gedenkveranstaltung für das Opfer und seine Familie geben. Es muss gelingen, diejenigen, die eine kritische Meinung zu Zuwanderung und Kriminalität haben, von den extremen Milieus fernzuhalten. Außerdem muss die Polizei die Führungskader der rechtsextremen Gruppierungen isolieren. Sonst droht eine weitere Eskalation. Gelingt es ihnen, die vorherrschende Wut auf ein generelles Ungerechtigkeitsempfinden zu übertragen, wird die Lage weiter eskalieren.

Kann man weitere Krawalle verhindern?

Zick In der vergangenen Jahren ist in der Prävention nicht alles glücklich gelaufen. In manchen Regionen Sachsens gibt es Rechtsextremisten bereits in der dritten Generation. Dort haben sich die Strukturen bereits verfestigt. Vor allem der ländliche Raum ist abgehängt, nicht nur weil die Menschen dort keine Zukunftsperspektive sehen, sondern auch weil dort keine breit angelegte Präventionsarbeit geleistet wird. Sachsen hat in der Vergangenheit viele Erfahrungen mit einer terroristischen und extremistischen Szene gemacht. Politiker haben deswegen immer wieder das Bedürfnis, öffentlich zu betonen, dass der Staat und seine Behörden bei den Themen Zuwanderung und Kriminalität alles unter Kontrolle hat. Diese Suggestion ist mit dem Tötungsdelikt am Wochenende zusammengebrochen.

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